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Novaya Gazeta

Sie ist ein Schwergewicht des unabhängigen russischen Journalismus: die Novaya Gazeta (deutsch: Neue Zeitung) – ihr langjähriger Chefredakteur Dmitri Muratow ist 2021 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden. Auch zuvor war die Novaya Gazeta ein international viel beachtetes Blatt. Redaktion und Belegschaft halten bis heute mehrheitlich die Anteile daran. Regelmäßig werden investigative Recherchen veröffentlicht.
Seit dem Angriffskrieg gegen die Ukraine hat die
Novaya mehrere schwere Rückschläge erlitten: Am 28. März 2022 kündigte das Blatt an, wegen Sperrung der Seite und neuer Zensurgesetze ihre Arbeit einzustellen. Ein neu aufgelegtes Magazin NO (Novaya rasskaz-gazeta), das am 15. Juli online ging, ist nach Angaben der Novaya-Redaktion neun Tage später durch die Medienaufsicht ebenfalls komplett gesperrt worden. Unterdessen hat sich außerhalb Russlands eine von der bisherigen Redaktion unabhängige Novaya Gazeta Europe gegründet, für die sowohl exilierte Novaya-Journalisten als auch neue Autoren schreiben.
In der Geschichte der Zeitung war diese Stärke der
Novaya, unter widrigsten Bedingungen irgendwie weiterzumachen, immer auch die Achillesferse: Mehrere Journalisten sind in den 2000er Jahren bei Mordanschlägen getötet worden.

 

Die Novaya Gazeta ist eine Ausnahmeerscheinung in Russland: 1993 gegründet (als Neue Tageszeitung, bis 1995), arbeitet sie mit einer bemerkenswerten Kontinuität, obwohl die Lage für unabhängige Medien schwieriger denn je geworden ist. Fast alle großen TV-Stationen gelangten seit dem Machtantritt von Wladimir Putin unter staatliche Kontrolle und bedeutende Zeitungshäuser in die Hände regionaler Regierungen oder kremltreuer Eigentümer. Mit ihrer klar oppositionellen Haltung wird die Novaya Gazeta bislang geduldet, nicht jedoch ohne Restriktionen durch die Medienaufsicht Roskomnadsor – und, wie der langjährige Redaktionschef Dmitri Muratow beklagt, bei einem gesellschaftlichen Klima, in dem Übergriffe auf kritische Journalisten meist straflos blieben.1

2021 ist er mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden: Für sein „Bemühen um die Wahrung der Meinungsfreiheit, die eine Voraussetzung für Demokratie und Frieden ist“, begründete das Nobelkomitee die Entscheidung. Mit ihm gemeinsam ist die philippinische Journalistin Maria Ressa gewürdigt worden. 

Mit kurzer Unterbrechung ist Muratow seit 1995 Chefredakteur der Novaya Gazeta. Zwischenzeitlich hatte Sergej Kosheurow für zwei Jahre das Amt inne, auf das man in der Redaktion traditionell gewählt wird. 2019 wurde Muratow erneut zum Chefredakteur gewählt. Er ist seit der ersten Stunde dabei, war Mitgründer der kleinen widerborstigen Zeitung, die über all die Jahre auch unter schwierigen Bedingungen nicht aufgibt und fortwährend auf Missstände im Land aufmerksam macht. In seiner Zeit bei der Novaya musste Muratow erleben, wie in den 2000er Jahren mehrere Mitarbeiter ums Leben gekommen sind, darunter Igor Domnikow, Anna Politkowskaja und Natalja Estemirowa.
 
Vor allem Anna Politkowskaja gab der Gefahr, unter der Journalisten in Russland tätig sind, über die Landesgrenzen hinaus ein Gesicht und wurde mit ihrer Arbeit im damals kriegsgeschüttelten Tschetschenien international bekannt.
Doch die Novaya Gazeta – gesellschaftspolitisch ausgerichtet – ließ sich nicht einschüchtern, tritt früher wie heute mit wichtigen investigativen Recherchen hervor, darunter zu Verfehlungen der Regierung bei der Geiselnahme von Beslan, zur Verfolgung von Homosexuellen in Tschetschenien, zum Krieg im Donbass und als Teil einer international vernetzten Journalisten-Gruppe zu den sogenannten „Panama Papers“.
Bestimmend sind Themen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, die auch in der Online-Ausgabe aufbereitet werden. Das Blatt steht für engagierten Journalismus, der Minderheiten und Opfern von Gewalt oder Korruption eine Stimme geben will, dazu gehören auch starke Meinungstexte.
 
Dmitri Muratow gehört zu den Gründern des Blattes, einer Gruppe von Journalisten, die sich nach Glasnost und Perestroika von der Komsomolskaja Prawda abwandte, um selbst eine Zeitung aufzubauen. Es fügte sich, dass Ex-Sowjetführer Michail Gorbatschow zum frühen Förderer wurde. Gorbatschow unterstützte die Zeitung regelmäßig, besitzt seit 2006 auch Anteile. Weiterer Eigner war zeitweise der Tech-Investor Sergej Adonjew. Die Aktienmehrheit an der nichtkommerziellen Trägerorganisation der Novaya Gazeta hält die Belegschaft.
 
Für den Erhalt der Zeitung spielte der Medien-Mogul Alexander Lebedew über Jahre eine herausragende Rolle. Neben Gorbatschow war er einmal wichtigster Finanzier, hält seine Anteile jedoch nach allem, was bekannt ist, nur noch auf dem Papier. Lebedew galt lange als der letzte kremlkritische Oligarch. Als er politisch unter Druck geriet, ließ er auch seine  Zahlungen stoppen. Durch seinen Rückzug und weil Anzeigenkunden wegbrachen, stand zeitweise die Printauflage auf der Kippe. Neben der Online-Ausgabe erscheint die Novaya Gazeta derzeit als Printtitel jeweils montags, mittwochs und freitags, ihre Auflage beträgt verschiedenen Angaben zufolge zwischen rund 125.000 und 175.000 Exemplare. Sitz ist in Moskau, dazu gibt es Zweigstellen in Städten wie Sankt Petersburg, Samara und Wladiwostok. Trotz monatlich mehrerer Millionen Online-Aufrufe gilt die Novaya auf dem russischen Medienmarkt als Außenseiter.
 
Wichtiges Arbeitsfeld bleibt Tschetschenien, wo die Novaya Gazeta immer wieder den Finger in die Wunde legt – obwohl es in der Vergangenheit nach den Mordanschlägen auf die Kollegen jedes Mal Zeiten des Haderns gegeben hat, wie die renommierte Novaya-Journalistin Elena Milashina 2017 in einem Interview mit Colta.ru preisgab: „Doch wir verstanden: Das ist kein Ausweg – und machten weiter.“2

Kurz nach Ausbruch des russischen Angriffskriegs auf die ganze Ukraine wurde der Novaya Gazeta durch die Medienaufsichtsbehörde mitgeteilt, angeblich „unzuverlässige Information“ zu verbreiten. Welche Begriffe die Behörde darunter versteht, ließ sie ebenfalls offiziell wissen: „Angriff“, „Invasion“ und „Kriegserklärung“. Am 1. März 2022 schrieb die Novaya Gazeta in einer Hausmitteilung, nach Aufforderung durch die Generalstaatsanwalt drohten bei „Falschinformation“ „gigantische Strafen“ bis hin zu „der Aussicht einer Liquidierung der Medien“. Deshalb habe man nach Abstimmung im Redaktionsausschuss mehrheitlich entschieden, „unter den Bedingungen der Kriegszensur“ weiterzuarbeiten: In den Artikeln, die online zu sehen sind, wird nun „zwischen den Zeilen“ geschrieben; selbst zensierte Teile werden in Texten auch kenntlich gemacht. Nutzer reagierten überwiegend mit Verständnis: „Besser irgendwie arbeiten als gar nicht.” – „Uns ist allen völlig klar, dass Krieg ist. Sie brauchen ihn gar nicht direkt Krieg zu nennen.” Einzelne Artikel, die der offiziellen Propaganda widersprechen, wurden außerdem gelöscht – etwa eine Reportage über die Mutter eines jungen gefallenen russischen Soldaten, die nicht weiß, wo und unter welchen Umständen ihr Kind ums Leben kam und den Leichnam nicht erhält, um „Panik zu vermeiden“.

Am 28. März 2022 schließlich gab die Novaya bekannt, die Arbeit bis Ende des Kriegs einzustellen – „bis zum Ende der Spezialoperation in der Ukraine“, wie es die Zeitung mitteilte. Der Entscheidung war eine zweite Verwarnung durch die russische Medienaufsicht wegen angeblichen Verstoßes gegen das „Ausländische-Agenten-Gesetz” vorausgegangenen. Damit drohe der Novaya ein Verlust ihrer Lizenz. Die Novaya war seit Ausbruch des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine eines der wenigen unabhängigen Medien, das noch nicht blockiert war und versucht hatte, trotz Zensur weiterzuarbeiten.

Ein neuer Versuch, innerhalb Russlands trotz der schwierigen Lage eine Plattform der Novaya zu betreiben – mit Start am 15. Juli – ist das Magazin NO (Novaya rasskaz-gazeta), das auch gedruckt erscheint3. Die Webseite ist nach Angaben der Novaya-Redaktion bereits neun Tage später nach Anordnung der Medienaufsicht durch russische Provider blockiert worden. Unterdessen gibt es seit April außerhalb Russlands mit der Novaya Gazeta Europe eine von der im Inland befindlichen Redaktion unabhängige Neugründung, für die sowohl bisherige, nun im Exil lebende Novaya-Autoren als auch neue Autoren schreiben. Chefredakteur ist der frühere Leiter des Novaya-Politikressorts Kirill Martynow. 

Eckdaten

Gegründet: 1993
Chefredakteur: Dmitri Muratow
URL:
Novaya Gazeta www.novayagazeta.ru
Novaya Gazeta Europe https://novayagazeta.eu/ (gegründet April 2022)
Magazin NO https://novaya.no/ 

 

Text: Mandy Ganske-Zapf
Stand: Juli 2022
1.Echo Moskvy: Osoboe Mnenie, v gostjach Dmitrij Muratov
2.Colta.ru: „Poka C̆ečnja ne zagovorit, ničego ne izmenitsa“3 Novayagazeta.ru: „'NO'. Poechali! Redakcija «Novoj gazety» zapustila novyj žurnal i sajt“Teil des Dossiers „Alles Propaganda? Russlands Medienlandschaft, gefördert von der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius 


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