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TikToks Moskau-Fanklub

Während das deutsche Außenministerium dringend von Reisen nach Russland abrät, hat Moskau eine Charme-Offensive gestartet, um insbesondere Reisende aus westlichen Staaten anzulocken. Im August 2024 führte Wladimir Putin per Erlass eine neue Visa-Kategorie ein: das „Privatvisum für Personen, die traditionelle russische geistige und moralische Werte teilen“. Damit solle Personen „humanitäre Unterstützung“ geleistet werden, „deren Staaten eine destruktive neoliberale ideologische Politik durchsetzen, die den traditionellen russischen spirituellen und moralischen Werten zuwiderläuft“, heißt es im Ukas

Medial wird die Kampagne von einer Schar von Influencerinnen und Influencern begleitet, die auf TikTok, Instagram und YouTube die Vorzüge eines Lebens in Russland preisen. Diese decken sich oft mit dem, was Vertreter der politischen Ränder hierzulande kritisieren: keine Rundfunk-Gebühren, billiges Benzin, Frauen dürfen noch Frauen sein und Männer echte Männer. 

Das Programm wird von der Ex-Spionin Maria Butina koordiniert (T-Online hat darüber im Dezember 2024 berichtet). Butina war im April 2019 in den USA wegen Spionage im Auftrag Moskaus zu 18 Monaten Haft verurteilt und nach Abbüßen eines Teils ihrer Strafe im Oktober 2019 nach Russland abgeschoben worden. Als Abgeordnete der Kreml-Partei Einiges Russland ist es seitdem ihre Rolle, die Menschenrechtslage im Westen zu kritisieren und Russland als das wahre Land der Freiheit zu präsentieren. Eine der prominentesten Bloggerinnen in Butinas TikTok-Team ist die „russische Amerikanerin“ Alexandra Jost mit insgesamt 500.000 Followern auf unterschiedlichen Plattformen. Laut Recherchen der Novaya Gazeta Europe bekam Jost zumindest im Jahr 2023 regelmäßig Geld von RT, dem wichtigsten Sprachrohr russischer Propaganda im Ausland. 

Quelle Novaya Gazeta Europe

Ballett, Birken und bunte Zwiebeltürme: Bloggerinnen im staatlichen Auftrag zeichnen Russland als Sammelsurium süßlicher Klischees / Illustration: Novaya Gazeta Europe 

Zu TikTok-Liedern nimmt die 27-jährige Alexandra alias Sasha Jost coole viral gehende Videos an den heißesten Touristenspots Russlands auf: die Städte am Goldenen Ring, das Ballett Nussknacker, die Stadtzentren von Moskau und Sankt Petersburg. In ihrem Blog gibt es auch Videos von Fernreisen: zum Beispiel aus dem Petschoro-Ilitsch-Nationalpark in der Republik Komi, von der Krym und aus Sibirien. Die junge Frau besucht dort Restaurants und macht professionelle Fotoshootings, ohne Werbung in ihrem Blog zu bringen. 

Jost bezeichnet sich selbst als „russische Amerikanerin“, da sie als Tochter einer Russin und eines Amerikaners geboren wurde. Die Familie lebte zunächst in Hongkong, dann zog sie in die Vereinigten Staaten, Jost machte einen Universitätsabschluss in Belgien. Doch, wie sie in einem Interview mit dem russischen Staatsfernsehen sagt, hat sie „ihr Leben lang Russophobie erlebt, während sie im Ausland lebte.“ Mit 19 verbrachte Jost probehalber ein Jahr in Sankt Petersburg, und es gefiel ihr so gut, dass sie beschloss, für immer nach Russland zu ziehen. 

Im Sommer 2023 startete sie einen YouTube-Kanal über ihre Leben und ihre Reisen in Russland. Ein Jahr später wurde er gesperrt, angeblich „ohne Begründung“, und sie wechselte zu anderen Sozialen Netzwerken. Inzwischen hat sie fast 160.000 Abonnenten auf TikTok, mehr als 200.000 auf Instagram und ihre Videos und Reels werden millionenfach aufgerufen. 

 

„Jedes positive Video über Russland wird als Propaganda gebrandmarkt“ 

In den Videos vergleicht die junge Frau oft westliche Länder mit Russland – und stets schneidet Russland besser ab. So vertritt sie zum Beispiel die Meinung, dass Frauen in Russland unglaublich viel weiblicher seien und Männer sich immer um sie kümmern und Verantwortung für sie übernehmen würden. Gleichzeitig sagt die junge Frau nichts über das Problem der häuslichen Gewalt in Russland, wo im Zeitraum 2020–2021 mehr als 70 Prozent aller Morde an Frauen von ihren Partnern und Verwandten begangen wurden. Oder sie zeigt, dass es trotz der Sanktionen selbst in kleinen Lädchen in der russischen Provinz alle notwendigen Produkte gibt – von den Preisen ist dabei keine Rede. 

Im Juni 2024, nachdem YouTube ihren Kanal gelöscht hatte, startete sie einen neuen, und änderte den Namen; jetzt hat sie dort schon 22.000 Abonnenten. „Offenbar wird jedes positive Video über Russland als Propaganda gebrandmarkt. Aber wie wir alle wissen: Russen geben nicht auf! Und auch ich werde nicht schweigen“, beteuerte Jost in ihrem ersten Video. 

 
Den Kanal Sasha Meets Russia hat Youtube gesperrt. Die Bloggerin setzt ihr Programm jetzt unter dem Namen @SashaandRussia fort  

Novaya Europe liegt die Steuererklärung von Sasha Jost vor: Demnach erhielt sie zumindest im Jahr 2023 regelmäßig Geld von TV Novosti – das ist die juristische Person hinter RT, dem Fernsehsender Russia Today. Sasha Jost hat nie öffentlich erwähnt, dass sie für diesen staatlichen russischen Fernsehsender arbeitet, der in vielen Ländern wegen Propaganda verboten ist. Stattdessen machte sie sich lustig über die Ansicht, dass jeder, der in Russland lebt, zwangsläufig für den Staat arbeitet. 

RT wird seit vielen Jahren vom russischen Staat finanziert: Im Jahr 2023 erhielt der Sender 26,7 Milliarden Rubel [278 Millionen Euro] aus dem Haushalt, im Jahr 2024 waren es fast zwei Milliarden Rubel [20 Millionen Euro – dek] mehr. Seit März 2022 ist die Ausstrahlung von RT in der EU und den USA blockiert. In den Vereinigten Staaten gilt der Kanal als ausländischer Agent, und gegen Simonjan und ein paar weitere Top Manager sind Sanktionen verhängt worden. Im Jahr 2024 beschuldigte der US-Außenminister den Sender gar der Beteiligung an russischen Geheimdienstoperationen. 

Die Novaya Europe bat Sasha Jost um eine Stellungnahme zu den Informationen über ihre Arbeit für RT. Die Bloggerin verlas die Fragen der Journalisten auf ihrem Telegram-Kanal, aber beantwortete sie nicht. 

Ihren eigenen Aussagen zufolge unterrichtet Sasha Jost neben dem Bloggen Englisch und arbeitet als Designerin. 

 

Eine internationale Blogger-Familie 

Einige Reisen macht Jost gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Mexikaner Domingo Garcia. Er ist seinen Worten zufolge ebenfalls aus weltanschaulichen Gründen nach Russland gezogen. Bis 2024 hat er in Russland im Masterprogramm Internationales Management an der der Higher School of Economics studiert und danach die Lateinamerikanische Handelskammer gegründet, eine Organisation, die vorgeblich den bilateralen Handel und Investitionen zwischen lateinamerikanischen Ländern und der Russischen Föderation fördern soll. 

Novaya Europe konnte keine Spur von Aktivitäten dieser Organisation finden – vor allem ist keine juristische Person unter dem Namen Garcia Domingo in Russland registriert. Als Blogger jedoch ist er bei der Agentur Besgranitschnyje (dt. die Grenzenlosen) gelistet. Im Firmenkatalog der Agentur ist auch Sasha Jost zu finden. 

Das Profil von Garcia Domingo auf dem Portal von Besgranitschnyje. Auch seine Frau Sasha Jost ist dort vertreten. Rechts neben ihr der deutschsprachige Blogger Sven Svenson / Screenshots: dekoder 

Die Agentur bietet ihren Kunden an, durch die Zusammenarbeit mit ausländischen Bloggern den „Wiedererkennungswert der Marke“ zu erhöhen und die „Reichweite bei den Kunden“ zu steigern. Gegründet wurde sie im April 2024 von der Assistentin der Duma-Abgeordneten Olga Timofejewna, der Polittechnologin und PR-Frau Maria Dudko. 

Auch die Bloggerin Karina Kipp wird von der Agentur Besgranitschnyje vertreten. In Deutschland sehen ihr mehr als eine Millionen Menschen zu, wenn sie Küchen-Hacks ausprobiert / Screenshot dekoder

Domingos Social-Media-Konten sind nicht kommerziell ausgerichtet. Doch reist er regelmäßig mit seiner Frau durch Russland und gibt auch häufig in den Staatsmedien Interviews darüber, wie schön es sei, in Russland zu leben. „Ich habe eine russische Seele“ sagt Domingo und schimpft auf „die westlichen Länder“, in denen, wie er es nennt, „die traditionellen Werte ihre Bedeutung in der Gesellschaft verlieren“. 

 

Maria Butinas TikTok-Team 

Seit 2024 erscheinen in den Sozialen Netzwerken immer häufiger Videos von ausländischen Bloggern: Sie reisen alle immer an dieselben Orte und äußern sich zu Russland mit denselben Worten – das erweckt den Eindruck einer koordinierten PR-Kampagne. 

So besuchten am 18. Januar beispielsweise Blogger aus mehreren Ländern das Kloster Neu-Jerusalem in der Region Moskau und nahmen an einem traditionellen Eisbad am Tag der Taufe Jesu teil. Die Reise wurde offenbar vom orthodoxen Fernsehsender Spas TV [dt. Erlöser TV] organisiert und bald erschien dort eine Reportage über dieses Fest. In dem von Jost veröffentlichten Video waren beispielsweise ihr Ehemann Domingo Garcia und die Bloggerin Gabrielle Duvoisin aus Frankreich zu sehen. Ebenfalls anwesend waren Pietro Stramezzi aus Italien und Lisa Graf aus Deutschland, die anschließend ein Video darüber auf ihre Seite stellten. 

Zusammen mit der Bloggerin Lisa Graf veröffentlichte Jost fast zeitgleich ähnliche Inhalte: Beide posteten im Februar im Abstand von vier Tagen Videos über die Moskauer Metro; die jungen Frauen sprachen auch über das chinesische Neujahrsfest in Moskau am 29. Januar und über den Neujahrsmarkt auf dem Roten Platz mit ähnlichen Aufnahmen am 16. Und 20. Dezember. 

Die Geschichte von Gabrielle ist der von Sasha auffallend ähnlich: Demnach war Gabrielle Umweltingenieurin und beschloss, aus Paris wegzuziehen, nachdem sie einmal in Sankt Petersburg war. Seit 2022 lebt die junge Frau in Russland und bloggt auf Französisch und Russisch. Einmal verriet Duvoisin sogar, dass sie im russischen Fernsehen das sagt, was ihre Mitarbeiter ihr vorsagen. „Als ich vor ein paar Wochen auf Rossija 1 war, bestand das Team darauf, dass ich sage, der Lieblingsfilm meiner Großmutter sei Der Profi. Tatsächlich habe ich keine Ahnung, ob meine Großmutter den Film überhaupt je gesehen hat.“ 

Im Dezember 2024 interviewte die Französin Gabrielle Duvoisin Maria Butina, die ehemalige russische Spionin und heutige Duma-Abgeordnete, die auch für RT arbeitet. Ausländische Blogger gehen regelmäßig mit ihr auf Reisen und berichten darüber in ihren sozialen Netzwerken. Graf, Jost und der österreichischer Blogger Martin Held, der Butina nahesteht, fuhren nach Schuja in der Region Iwanowo zu einem Treffen mit ausländischen Familien, die nach Russland ziehen wollen. 

2019 war Butina in den Vereinigten Staaten wegen illegaler Arbeit als Spionin zu 18 Monaten Haft verurteilt worden, kehrte aber nach Absitzen eines Teils der Strafe nach Russland zurück und begann, für RT zu arbeiten. Zunächst moderierte sie die Sendung Prekrasnaja Rossija bu-bu-bu [dt. Wundervolles Russland bu bu bu], dann begann sie, Russen im Ausland zu helfen – auch mit Unterstützung von Margarita Simonjan. Im Jahr 2020 wurde Butina Leiterin der RT-Stiftung Wir lassen unsere Leute nicht im Stich, deren Ziel es ist, im Ausland verurteilte Russen in ihr Heimatland zurückzubringen. Butina drehte weiterhin Beiträge für RT, zum Beispiel besuchte sie die Strafkolonie von Alexej Nawalny, der damals in Pokrow in den Hungerstreik getreten war, weil ihm ärztliche Hilfe verweigert wurde. 

Vor laufender Kamera versuchte Butina, sich mit dem Gefangenen herumzustreiten und sagte, die Bedingungen, unter denen Nawalny festgehalten werde, seien viel besser als die, die sie in einem amerikanischen Gefängnis gesehen habe.

 
April 2021: Alexej Nawalny ist in den Hungerstreik getreten, weil ihm ärztliche Versorgung verweigert wird. Die Abgeordnete und RT-Mitarbeiterin Maria Butina sucht den Häftling auf und putzt ihn vor laufender Kamera herunter. Die Haftbedingungen seien besser als in den USA 

Im Jahr 2021 wurde Butina auf der Liste der Partei Einiges Russland für die Region Kirow in die Staatsduma gewählt. Damals führte sie in der Erklärung über ihre Einkünfte die Fernsehsender NTW und RT als Einnahmequellen an. Als Abgeordnete setzte Butina dann ihre Zusammenarbeit mit RT fort. 2022 nahm sie beispielsweise ein Interview mit Viktor But auf, einem russischen Waffenhändler, der viele Jahre in den USA inhaftiert war und im Dezember 2022 im Rahmen eines Gefangenenaustauschs zwischen den beiden Ländern freigelassen wurde. Im Jahr 2024 startete Butina eine neue Sendung auf RT, FamilieRussland, in der sie über Ausländer spricht, die sich aus Gründen der Weltanschauung für einen Umzug nach Russland entschieden haben.  

Auch in TikToks der Blogger tauchen Menschen auf, die nach Russland umgesiedelt sind. Zum Beispiel postete kürzlich Sasha Jost ein Video mit Interviews von Menschen, die nach Nishni Nowgorod gezogen sind.  

 

RT benutzt nicht zum ersten Mal Blogger, um verdeckt für seine Agenda zu werben 

Ende 2024 eröffnete das US-Justizministerium ein Verfahren gegen die RT-Mitarbeiter Konstantin Kalaschnikow und Elena Afanasjewa. Sie wurden beschuldigt, pro-russische Propaganda zu verbreiten, und Journalisten fanden heraus, dass das amerikanische Medienunternehmen Tenet Media daran beteiligt war, für das mehrere amerikanische Blogger arbeiteten: Tim Poole (1,37 Millionen Abonnenten auf YouTube), Dave Rubin (2,45 Millionen Abonnenten auf YouTube), Matt Christiansen, Taylor Hansen, Benny Johnson und Laura Suthern.  

RT überwies insgesamt 10 Millionen Dollar an Tenet Media, die möglicherweise für Publikationen auf YouTube, TikTok, Instagram und X verwendet wurden. Nach Überzeugung des US-Justizministeriums gaben RT-Mitarbeiter Anweisungen zum Inhalt der Materialien an die Influencer: So wurden sie beispielsweise nach dem Terroranschlag auf die Crokus City Hall bei Moskau aufgefordert, sich „auf die Version über die Beteiligung der Ukraine und der Vereinigten Staaten an dem Anschlag zu konzentrieren“ und das IS-Bekennerschreiben über die Organisation des Terroranschlags als Fälschung zu bezeichnen. 

Nach der Enthüllung der Aktivitäten des Unternehmens behaupteten die Blogger, die mit dem Unternehmen zusammenarbeiteten, sie hätten von den Verbindungen zu RT nichts gewusst. Matt Christiansen sagte, er habe bei seiner Arbeit mit Tenet Media keine Anweisungen erhalten, sondern lediglich seine eigenen Gedanken geäußert. 

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Margarita Simonjan

Ihre steile Karriere begann mit einer Lüge im staatlichen Auftrag. Heute kokettiert die Chefin des Propaganda-Senders RT und der staatlichen Medienholding Rossija Sewodnja offen mit ihrer Rolle als Gesicht der russischen Desinformation. Der Kreml belohnt sie großzügig dafür. 

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Jedinaja Rossija

Die Partei Einiges Russland ist der parlamentarische Arm der Regierung. Ihre Wurzeln entstammen einem Machtkampf zwischen Jelzin und seinen Herausforderern im Jahr 1999. Danach entwickelte sie sich schnell zu einer starken politischen Kraft: Seit 2003 hat sie eine absolute Mehrheit der Parlamentssitze inne. Obwohl sie durchaus eine Stammwählerschaft entwickelt hat, verdankt sie ihren Erfolg zu großen Teilen Putins persönlicher Beliebtheit.

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Olga Skabejewa

Zweimal täglich erklärt die Moderatorin im Staatsfernsehen die Welt aus Moskauer Sicht. An manchen Tagen ist sie bis zu fünf Stunden mit Desinformation und Kriegshetze nach Vorgaben des Kreml auf Sendung. Skabejewas Spezialgebiet ist der Vollkontakt: Je nach Bedarf werden Gegner provoziert oder niedergebrüllt. 

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Olga Skabejewa

Olga Skabejewa tut Dinge, die Politik-Journalisten normalerweise nicht tun: Sie geht in den Vollkontakt, lauert Menschen auf, wird körperlich, nicht selten brüllt sie ihr Gegenüber einfach nieder.1 Als 2019 die Parlamentarische Versammlung des Europarats in Straßburg tagte, drängte sich Skabejewa in ein Interview des ukrainischen Kanals Prjami mit dem damaligen ukrainischen Vize-Präsidenten der Versammlung. Die Journalistin des Senders stoppte die Russin resolut: „Wir lassen nicht zu, dass Sie unsere Live-Übertragung annektieren. Wir wissen sehr genau, wie Ihre Klospülung rauscht, die bei normalen Leuten ‚Mund‘ genannt wird.“ Den Spitznamen „Klospülung“ (sliwnoi batschok) wird Skabejewa seitdem nicht mehr los.2 

Olga Skabejewa auf Sendung / Screenshot © YouTube/Tvrain

So lange zu provozieren, bis andere ausrasten, ist Skabejewas Spezialität. Bei den Verhandlungen zu Minsk II im Februar 2015 nahm ein Personenschützer Skabejewa kurzerhand in den Schwitzkasten, nachdem sie den vorbeieilenden ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko angebrüllt hatte.3 2016 brachte sie den ARD-Doping-Experten Hajo Seppelt bei einem Interview in Köln so zur Weißglut, dass der sie aus dem Hotelzimmer jagte und ihr das Mikrofon entriss – der Tumult gab ein ideales Sujet für die russische Propaganda ab.4 Noch am selben Tag veröffentlichte ihr Sender das Videomaterial und das nicht freigegebene Interview in den Hauptabendnachrichten von Rossija-1.  

Das eiserne Püppchen 

Olga Skabejewa hält sich auch in ihren TV-Auftritten an ihr Motto: „Wer am lautesten schreit, dem gehört die Wahrheit“.5 Sie liebt es, mit chauvinistischen und skandalösen Aussagen zu provozieren, westliche Medien vergleichen sie mit dem amerikanischen Skandal-Journalisten Tucker Carlson: Nur dass dieser mit seinen Verschwörungserzählungen bei Fox News rausflog, während das russische Staatsfernsehen von Skabejewa nicht genug kriegen kann.6 Wenn Skabejewa vom täglichen Blutvergießen und anderen Gräueltaten an der Front berichtet, klingt ihre Stimme tonlos und metallisch, ihr Blick wirkt hart, ihr Mund ist zu einem verächtlichen Grinsen verzogen. Maria Sacharowa, die Sprecherin des russischen Außenministeriums, hat Skabejewa deshalb mit einem weiteren Spitznamen bedacht: „eisernes Püppchen“.7 Ihre Sendungen moderiert Skabejewa wie eine Staatsanwältin, die Beschuldigte vor Publikum überführt. Erbarmungslos schmettert sie jeden Versuch nieder, ihr zu widersprechen.8 Sie beleidigt und erniedrigt Gäste, die oft nur deshalb in die Sendung geholt werden, um abweichende Ansichten vorzutragen, die umgehend von der Moderatorin niedergebügelt werden.9  

Olga Skabejewa bringt den Sportjournalisten Hajo Seppelt vor laufender Kamera zum ausrasten / Screenshot: dekoder

Nachrichten im Sinne des Staats 

Den Weg in den Journalismus hat die 1984 in der Provinzstadt Wolschski im Gebiet Wolgograd geborene Olga Skabejewa schon als Schülerin eingeschlagen. Ihre Kindheit in einer Mittelschicht-Familie – der Vater Bauingenieur, die Mutter Architektin – war von strenger Disziplin geprägt.10 Sie besuchte eine russisch-US-amerikanische Schule und arbeitete währenddessen  bei der lokalen Gratiszeitung Nedelja Goroda, später bei der Wolschskaja Prawda. 2003 zog Skabejewa nach Sankt Petersburg, um dort an der staatlichen Universität Journalismus zu studieren. Gleichzeitig begann sie, für die Nachrichtensendung Westi Reportagen zu machen. Damit startete Skabejewas Karriere im Dienst der Regierung: Westi läuft auf dem Sender Rossija-1, der zur Medienholding WGTRK gehört. Ihr Talent und ihre Bereitschaft, es in den Dienst des Staates zu stellen, fielen bald auf: 2006 erhielt sie den Jugendpreis der Regierung von Sankt Petersburg im Bereich Journalismus, ein Jahr später die „Goldene Feder“ in der Kategorie „Perspektive des Jahres“.  

2008 schloss Skabejewa ihr Studium mit Auszeichnung ab und ging nach Moskau, wo sie als Korrespondentin für Westi und die Wochenendausgabe Westi Nedeli berichtete. Die abstrusen Behauptungen, die Skabejewa regelmäßig in ihren Beiträgen aufstellte, machten sie überregional bekannt. Eine davon: Kinder von Homosexuellen würden unter Geschlechtskrankheiten leiden.11 

60 Minuten Hass 

Ihre bedingungslose Loyalität zahlte sich aus: 2015 bekam Skabejewa eine eigene Talkshow: Westi.doc. Seit 2019 vertritt sie außerdem Dimitri Kisseljow als Moderatorin von Westi und Westi Nedeli. Kisseljow ist für seine Hetze gegen Homosexuelle bekannt sowie für seine antiwestliche Propaganda und die Drohung, Russland sei in der Lage, die USA „in radioaktive Asche zu verwandeln“. Im Vergleich zu Skabejewa wirke Kisseljow jedoch wie ein „gemütlicher, netter Rentner“, urteilt die Medienkritikerin der Novaya Gazeta, Slawa Taroschtschina.12 

Nach einem Jahr hatte Westi.doc ausgedient. Man hatte sich ein besseres Format ausgedacht: 60 Minut, angelehnt an die gleichnamige amerikanische Talkshow – mit der 60 Minut sonst nichts vereint. Olga Skabejewa moderiert die Show gemeinsam mit ihrem Ehemann Jewgeni Popow, der nicht nur Moderator im staatlichen Fernsehen ist, sondern gleichzeitig auch Abgeordneter für die Kreml-Partei Einiges Russland. Entgegen ihrem Namen dauert eine Folge nicht nur eine sondern ganze 2,5 Stunden und wird zwei Mal am Tag ausgestrahlt. Unabhängige russische Journalisten bezeichnen die Sendung als „60 Minuten des Hasses“ gegen alles Ukrainische und Westliche – in Anspielung auf das Ritual „Zwei Minuten Hass“ in George Orwells Dystopie 1984.13 In einer Ausgabe ließ Skabejewa ein Video einspielen, das angeblich die junge britische Königin Elisabeth II dabei zeigte, wie sie Kindern „wie Tieren im Zoo“ Essen hinwerfe. Die Aufnahme zeigte jedoch – entgegen Skabejewas Behauptung – nicht die junge Monarchin,  sondern eine Filmszene.14  Im Februar 2022  forderte Skabejewa , dass Russland die baltischen Staaten besetzen solle. Ein andermal erklärte sie, Russland müsse die gesamte NATO entmilitarisieren.15 2023 reiste Skabejewa nach Nordkorea, um von dort den laut eigenen Angaben „ersten Live-Bericht aus der nordkoreanischen Hauptstadt” zu senden. Das Fazit des Berichts: alles nicht so schlimm. Bösen Behauptungen zum Trotz gäbe es in Nordkorea Internet, niemand habe ihrem Team verboten zu filmen, oder würde sie kontrollieren. Und trotz der alptraumhaften Sanktionen, so Skabejewa, würden die Nordkoreaner ziemlich gut leben.16 

Ihren Beitrag zur Verteufelung des Westens und zur Reinwaschung Russlands und anderer Diktaturen belohnt der russische Staat großzügig: 2017 wurden Skabejewa und Popow für 60 Minut mit der „Goldenen Feder“ ausgezeichnet. Den wichtigsten Fernsehpreis des Landes, TEFI, konnte sich das Paar gleich zweimal abholen. Darüber hinaus erhielten sie 2023 den Medienpreis der russischen Regierung. 

Das Moderatoren- und Ehepaar Jewgeni Popow und Olga Skabejewa in einer Frühsendung des russischen Fernsehens / Screenshot © YouTube/Tvrain

„Ich diene Russland!“ 

Für Skabejewa gibt es nur ein Ziel: immer weiter nach oben. Ihre Arbeit, das betont das Ehepaar gerne, stehe bei beiden an erster Stelle. Das änderte weder ihre Hochzeit, die sie – weil es gerade in ihren Dienstplan gepasst habe – allein in New York feierten, noch die Geburt ihres Sohnes, der die ersten Jahre bei den Großeltern aufgewachsen sei.  

Hass und Desinformation zahlen sich aus: Laut Recherchen des Portals The Insider beträgt Skabejewas monatliches Einkommen mehr als 12,8 Millionen Rubel [derzeit etwa 122.000 Euro – dek] 17. In Moskau soll sie laut Recherchen des belarussischen Medienprojekts NEXTA vom März 2022 Immobilien im Wert von 300 Millionen Rubel [damals etwa 3,3 Millionen Euro] besitzen.18  

Die Propagandistin steht unter anderem auf den Sanktionslisten von Kanada, der EU, Großbritannien und den USA. „Es ist eine Ehre, die erste verbotene russische Journalistin in Amerika zu werden“, schrieb sie dazu auf ihrem Telegram-Kanal, „Washington tritt das Erbe seiner Gründungsväter mit Füßen, um gegen Russland zu kämpfen. Wir wünschen ihnen viel Glück bei ihrer Selbstvernichtung. Ich diene Russland! Und ich tue gern mein Bestes!“19  


1 Freedom Live/YouTube: Rossijskaja propagandistka Ol’ga Skabeeva ustroila provokaciju v PASE: https://www.youtube.com/watch?v=THVhD4gJb98 
2 1news.az: “Slivnoj bačok” Skabeevoj, ili Kak naglaja provincialka stala v odin rjad s glavnymi rossijskimipropagandistami: https://1news.az/news/20201123052528422-Slivnoi-bachok-Skabeevoi-ili-Kak-naglaya-provintsialka-stala-v-odin-ryad-s-glavnymi-rossiiskimi-propagandistami  
3 17 Kanal/YouTube: Na Minskich peregovorach žurnalistike kanala „Rossija 24“ zakryli rot: https://www.youtube.com/watch?v=oi19yfgBN0w 
4 faz.net: WDR geht gegen russisches Staatsfernsehen vor: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/interview-ueberfall-auf-wdr-wdr-geht-gegen-russisches-staasfernsehen-vor-14282620.html 
5 NEXTA live/YouTube: Skabeeva stala kukloj Putina/Neožidannyj povorot v biografii: https://www.youtube.com/watch?v=TJuldkICxPg 
6 businessinsider.nl: Meet the star Russian propagandist known as the ‘iron doll of Putin TV’, whose escalating rhetoric has shocked the West: https://www.businessinsider.nl/meet-the-star-russian-propagandist-known-as-the-iron-doll-of-putin-tv-whose-escalating-rhetoric-has-shocked-the-west/ 
7 stern.de: Kreml-Propaganda: Das sind ihre bekanntesten Gesichter: https://www.stern.de/politik/ausland/kreml-propaganda--das-sind-ihre-bekanntesten-gesichter-_33811566-33185434.html 
8 NEXTA live/YouTube: Skabeeva stala kukloj Putina/Neožidannyj povorot v biografii: https://www.youtube.com/watch?v=TJuldkICxPg 
NEXTA live/YouTube: Skabeeva stala kukloj Putina/Neožidannyj povorot v biografii: https://www.youtube.com/watch?v=TJuldkICxPg  
10 svpressa.ru: Ol’ga Skabeeva: https://svpressa.ru/persons/olga-skabeeva/ 
11 https://www.sueddeutsche.de/politik/diskussion-um-doping-vorwuerfe-ein-lehrstueck-russischer-propaganda-1.3029260 
12 svoboda.org. Štatnaja val'kirija. Teleobzor Slavy Taroščinoj. https://www.svoboda.org/a/30069334.html  
13 NEXTA live/YouTube: Skabeeva stala kukloj Putina/Neožidannyj povorot v biografii: https://www.youtube.com/watch?v=TJuldkICxPg  
14 stopfake.org: V ėfire „Rossii 1” vydali fil’m 1899 goda za video s Elizavetoj II, gde ona jakoby brosaet eduafrikanskim detjam na zemlju: https://www.stopfake.org/ru/v-efire-rossii-1-vydali-film-1899-goda-za-video-s-elizavetoj-ii-gde-ona-yakoby-brosaet-edu-afrikanskim-detyam-na-zemlyu/  
15 InformDetox/YouTube: Skabeeva ob’’javila Tret’ju mirovuju vojnu: https://www.youtube.com/watch?v=8KK1KSLppM0  
16 theins.ru: Skabeeva pochvastalas’ „pervym v mire“ prjamym ėfirom iz Pchen’jana „bez tovarišča majora zaspinoj“, a Lavrov priglasil rossijan na kurorty KNDR: https://theins.ru/news/266019  
17 theins.ru: 13 druzej Putina. Skol'ko zarabatyvajut samye izvestnye propagandisty rossijskogo TV. https://theins.ru/politika/235089 
18 NEXTA Live: Skabeeva. Pikantnye fakty: https://www.youtube.com/watch?v=kSPr4Oct7Gg 
19 https://t.me/skabeeva/16229 
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Ein kurzer Augenblick von Normalität und kindlicher Leichtigkeit im Alltag eines ukrainischen Soldaten nahe der Front im Gebiet , © Mykhaylo Palinchak (All rights reserved)