Während das deutsche Außenministerium dringend von Reisen nach Russland abrät, hat Moskau eine Charme-Offensive gestartet, um insbesondere Reisende aus westlichen Staaten anzulocken. Im August 2024 führte Wladimir Putin per Erlass eine neue Visa-Kategorie ein: das „Privatvisum für Personen, die traditionelle russische geistige und moralische Werte teilen“. Damit solle Personen „humanitäre Unterstützung“ geleistet werden, „deren Staaten eine destruktive neoliberale ideologische Politik durchsetzen, die den traditionellen russischen spirituellen und moralischen Werten zuwiderläuft“, heißt es im Ukas.
Medial wird die Kampagne von einer Schar von Influencerinnen und Influencern begleitet, die auf TikTok, Instagram und YouTube die Vorzüge eines Lebens in Russland preisen. Diese decken sich oft mit dem, was Vertreter der politischen Ränder hierzulande kritisieren: keine Rundfunk-Gebühren, billiges Benzin, Frauen dürfen noch Frauen sein und Männer echte Männer.
Das Programm wird von der Ex-Spionin Maria Butina koordiniert (T-Online hat darüber im Dezember 2024 berichtet). Butina war im April 2019 in den USA wegen Spionage im Auftrag Moskaus zu 18 Monaten Haft verurteilt und nach Abbüßen eines Teils ihrer Strafe im Oktober 2019 nach Russland abgeschoben worden. Als Abgeordnete der Kreml-Partei Einiges Russland ist es seitdem ihre Rolle, die Menschenrechtslage im Westen zu kritisieren und Russland als das wahre Land der Freiheit zu präsentieren. Eine der prominentesten Bloggerinnen in Butinas TikTok-Team ist die „russische Amerikanerin“ Alexandra Jost mit insgesamt 500.000 Followern auf unterschiedlichen Plattformen. Laut Recherchen der Novaya Gazeta Europe bekam Jost zumindest im Jahr 2023 regelmäßig Geld von RT, dem wichtigsten Sprachrohr russischer Propaganda im Ausland.
Ballett, Birken und bunte Zwiebeltürme: Bloggerinnen im staatlichen Auftrag zeichnen Russland als Sammelsurium süßlicher Klischees / Illustration: Novaya Gazeta Europe
Zu TikTok-Liedern nimmt die 27-jährige Alexandra alias Sasha Jost coole viral gehende Videos an den heißesten Touristenspots Russlands auf: die Städte am Goldenen Ring, das Ballett Nussknacker, die Stadtzentren von Moskau und Sankt Petersburg. In ihrem Blog gibt es auch Videos von Fernreisen: zum Beispiel aus dem Petschoro-Ilitsch-Nationalpark in der Republik Komi, von der Krym und aus Sibirien. Die junge Frau besucht dort Restaurants und macht professionelle Fotoshootings, ohne Werbung in ihrem Blog zu bringen.
Jost bezeichnet sich selbst als „russische Amerikanerin“, da sie als Tochter einer Russin und eines Amerikaners geboren wurde. Die Familie lebte zunächst in Hongkong, dann zog sie in die Vereinigten Staaten, Jost machte einen Universitätsabschluss in Belgien. Doch, wie sie in einem Interview mit dem russischen Staatsfernsehen sagt, hat sie „ihr Leben lang Russophobie erlebt, während sie im Ausland lebte.“ Mit 19 verbrachte Jost probehalber ein Jahr in Sankt Petersburg, und es gefiel ihr so gut, dass sie beschloss, für immer nach Russland zu ziehen.
Im Sommer 2023 startete sie einen YouTube-Kanal über ihre Leben und ihre Reisen in Russland. Ein Jahr später wurde er gesperrt, angeblich „ohne Begründung“, und sie wechselte zu anderen Sozialen Netzwerken. Inzwischen hat sie fast 160.000 Abonnenten auf TikTok, mehr als 200.000 auf Instagram und ihre Videos und Reels werden millionenfach aufgerufen.
„Jedes positive Video über Russland wird als Propaganda gebrandmarkt“
In den Videos vergleicht die junge Frau oft westliche Länder mit Russland – und stets schneidet Russland besser ab. So vertritt sie zum Beispiel die Meinung, dass Frauen in Russland unglaublich viel weiblicher seien und Männer sich immer um sie kümmern und Verantwortung für sie übernehmen würden. Gleichzeitig sagt die junge Frau nichts über das Problem der häuslichen Gewalt in Russland, wo im Zeitraum 2020–2021 mehr als 70 Prozent aller Morde an Frauen von ihren Partnern und Verwandten begangen wurden. Oder sie zeigt, dass es trotz der Sanktionen selbst in kleinen Lädchen in der russischen Provinz alle notwendigen Produkte gibt – von den Preisen ist dabei keine Rede.
Im Juni 2024, nachdem YouTube ihren Kanal gelöscht hatte, startete sie einen neuen, und änderte den Namen; jetzt hat sie dort schon 22.000 Abonnenten. „Offenbar wird jedes positive Video über Russland als Propaganda gebrandmarkt. Aber wie wir alle wissen: Russen geben nicht auf! Und auch ich werde nicht schweigen“, beteuerte Jost in ihrem ersten Video.
Den Kanal Sasha Meets Russia hat Youtube gesperrt. Die Bloggerin setzt ihr Programm jetzt unter dem Namen @SashaandRussia fort
Novaya Europe liegt die Steuererklärung von Sasha Jost vor: Demnach erhielt sie zumindest im Jahr 2023 regelmäßig Geld von TV Novosti – das ist die juristische Person hinter RT, dem Fernsehsender Russia Today. Sasha Jost hat nie öffentlich erwähnt, dass sie für diesen staatlichen russischen Fernsehsender arbeitet, der in vielen Ländern wegen Propaganda verboten ist. Stattdessen machte sie sich lustig über die Ansicht, dass jeder, der in Russland lebt, zwangsläufig für den Staat arbeitet.
RT wird seit vielen Jahren vom russischen Staat finanziert: Im Jahr 2023 erhielt der Sender 26,7 Milliarden Rubel [278 Millionen Euro] aus dem Haushalt, im Jahr 2024 waren es fast zwei Milliarden Rubel [20 Millionen Euro – dek] mehr. Seit März 2022 ist die Ausstrahlung von RT in der EU und den USA blockiert. In den Vereinigten Staaten gilt der Kanal als ausländischer Agent, und gegen Simonjan und ein paar weitere Top Manager sind Sanktionen verhängt worden. Im Jahr 2024 beschuldigte der US-Außenminister den Sender gar der Beteiligung an russischen Geheimdienstoperationen.
Die Novaya Europe bat Sasha Jost um eine Stellungnahme zu den Informationen über ihre Arbeit für RT. Die Bloggerin verlas die Fragen der Journalisten auf ihrem Telegram-Kanal, aber beantwortete sie nicht.
Ihren eigenen Aussagen zufolge unterrichtet Sasha Jost neben dem Bloggen Englisch und arbeitet als Designerin.
Eine internationale Blogger-Familie
Einige Reisen macht Jost gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Mexikaner Domingo Garcia. Er ist seinen Worten zufolge ebenfalls aus weltanschaulichen Gründen nach Russland gezogen. Bis 2024 hat er in Russland im Masterprogramm Internationales Management an der der Higher School of Economics studiert und danach die Lateinamerikanische Handelskammer gegründet, eine Organisation, die vorgeblich den bilateralen Handel und Investitionen zwischen lateinamerikanischen Ländern und der Russischen Föderation fördern soll.
Novaya Europe konnte keine Spur von Aktivitäten dieser Organisation finden – vor allem ist keine juristische Person unter dem Namen Garcia Domingo in Russland registriert. Als Blogger jedoch ist er bei der Agentur Besgranitschnyje (dt. die Grenzenlosen) gelistet. Im Firmenkatalog der Agentur ist auch Sasha Jost zu finden.
Das Profil von Garcia Domingo auf dem Portal von Besgranitschnyje. Auch seine Frau Sasha Jost ist dort vertreten. Rechts neben ihr der deutschsprachige Blogger Sven Svenson / Screenshots: dekoder
Die Agentur bietet ihren Kunden an, durch die Zusammenarbeit mit ausländischen Bloggern den „Wiedererkennungswert der Marke“ zu erhöhen und die „Reichweite bei den Kunden“ zu steigern. Gegründet wurde sie im April 2024 von der Assistentin der Duma-Abgeordneten Olga Timofejewna, der Polittechnologin und PR-Frau Maria Dudko.
Domingos Social-Media-Konten sind nicht kommerziell ausgerichtet. Doch reist er regelmäßig mit seiner Frau durch Russland und gibt auch häufig in den Staatsmedien Interviews darüber, wie schön es sei, in Russland zu leben. „Ich habe eine russische Seele“ sagt Domingo und schimpft auf „die westlichen Länder“, in denen, wie er es nennt, „die traditionellen Werte ihre Bedeutung in der Gesellschaft verlieren“.
Maria Butinas TikTok-Team
Seit 2024 erscheinen in den Sozialen Netzwerken immer häufiger Videos von ausländischen Bloggern: Sie reisen alle immer an dieselben Orte und äußern sich zu Russland mit denselben Worten – das erweckt den Eindruck einer koordinierten PR-Kampagne.
So besuchten am 18. Januar beispielsweise Blogger aus mehreren Ländern das Kloster Neu-Jerusalem in der Region Moskau und nahmen an einem traditionellen Eisbad am Tag der Taufe Jesu teil. Die Reise wurde offenbar vom orthodoxen Fernsehsender Spas TV [dt. Erlöser TV] organisiert und bald erschien dort eine Reportage über dieses Fest. In dem von Jost veröffentlichten Video waren beispielsweise ihr Ehemann Domingo Garcia und die Bloggerin Gabrielle Duvoisin aus Frankreich zu sehen. Ebenfalls anwesend waren Pietro Stramezzi aus Italien und Lisa Graf aus Deutschland, die anschließend ein Video darüber auf ihre Seite stellten.
Zusammen mit der Bloggerin Lisa Graf veröffentlichte Jost fast zeitgleich ähnliche Inhalte: Beide posteten im Februar im Abstand von vier Tagen Videos über die Moskauer Metro; die jungen Frauen sprachen auch über das chinesische Neujahrsfest in Moskau am 29. Januar und über den Neujahrsmarkt auf dem Roten Platz mit ähnlichen Aufnahmen am 16. Und 20. Dezember.
Die Geschichte von Gabrielle ist der von Sasha auffallend ähnlich: Demnach war Gabrielle Umweltingenieurin und beschloss, aus Paris wegzuziehen, nachdem sie einmal in Sankt Petersburg war. Seit 2022 lebt die junge Frau in Russland und bloggt auf Französisch und Russisch. Einmal verriet Duvoisin sogar, dass sie im russischen Fernsehen das sagt, was ihre Mitarbeiter ihr vorsagen. „Als ich vor ein paar Wochen auf Rossija 1 war, bestand das Team darauf, dass ich sage, der Lieblingsfilm meiner Großmutter sei Der Profi. Tatsächlich habe ich keine Ahnung, ob meine Großmutter den Film überhaupt je gesehen hat.“
Im Dezember 2024 interviewte die Französin Gabrielle Duvoisin Maria Butina, die ehemalige russische Spionin und heutige Duma-Abgeordnete, die auch für RT arbeitet. Ausländische Blogger gehen regelmäßig mit ihr auf Reisen und berichten darüber in ihren sozialen Netzwerken. Graf, Jost und der österreichischer Blogger Martin Held, der Butina nahesteht, fuhren nach Schuja in der Region Iwanowo zu einem Treffen mit ausländischen Familien, die nach Russland ziehen wollen.
2019 war Butina in den Vereinigten Staaten wegen illegaler Arbeit als Spionin zu 18 Monaten Haft verurteilt worden, kehrte aber nach Absitzen eines Teils der Strafe nach Russland zurück und begann, für RT zu arbeiten. Zunächst moderierte sie die Sendung Prekrasnaja Rossija bu-bu-bu [dt. Wundervolles Russland bu bu bu], dann begann sie, Russen im Ausland zu helfen – auch mit Unterstützung von Margarita Simonjan. Im Jahr 2020 wurde Butina Leiterin der RT-Stiftung Wir lassen unsere Leute nicht im Stich, deren Ziel es ist, im Ausland verurteilte Russen in ihr Heimatland zurückzubringen. Butina drehte weiterhin Beiträge für RT, zum Beispiel besuchte sie die Strafkolonie von Alexej Nawalny, der damals in Pokrow in den Hungerstreik getreten war, weil ihm ärztliche Hilfe verweigert wurde.
Vor laufender Kamera versuchte Butina, sich mit dem Gefangenen herumzustreiten und sagte, die Bedingungen, unter denen Nawalny festgehalten werde, seien viel besser als die, die sie in einem amerikanischen Gefängnis gesehen habe.
April 2021: Alexej Nawalny ist in den Hungerstreik getreten, weil ihm ärztliche Versorgung verweigert wird. Die Abgeordnete und RT-Mitarbeiterin Maria Butina sucht den Häftling auf und putzt ihn vor laufender Kamera herunter. Die Haftbedingungen seien besser als in den USA
Im Jahr 2021 wurde Butina auf der Liste der Partei Einiges Russland für die Region Kirow in die Staatsduma gewählt. Damals führte sie in der Erklärung über ihre Einkünfte die Fernsehsender NTW und RT als Einnahmequellen an. Als Abgeordnete setzte Butina dann ihre Zusammenarbeit mit RT fort. 2022 nahm sie beispielsweise ein Interview mit Viktor But auf, einem russischen Waffenhändler, der viele Jahre in den USA inhaftiert war und im Dezember 2022 im Rahmen eines Gefangenenaustauschs zwischen den beiden Ländern freigelassen wurde. Im Jahr 2024 startete Butina eine neue Sendung auf RT, Familie – Russland, in der sie über Ausländer spricht, die sich aus Gründen der Weltanschauung für einen Umzug nach Russland entschieden haben.
Auch in TikToks der Blogger tauchen Menschen auf, die nach Russland umgesiedelt sind. Zum Beispiel postete kürzlich Sasha Jost ein Video mit Interviews von Menschen, die nach Nishni Nowgorod gezogen sind.
RT benutzt nicht zum ersten Mal Blogger, um verdeckt für seine Agenda zu werben
Ende 2024 eröffnete das US-Justizministerium ein Verfahren gegen die RT-Mitarbeiter Konstantin Kalaschnikow und Elena Afanasjewa. Sie wurden beschuldigt, pro-russische Propaganda zu verbreiten, und Journalisten fanden heraus, dass das amerikanische Medienunternehmen Tenet Media daran beteiligt war, für das mehrere amerikanische Blogger arbeiteten: Tim Poole (1,37 Millionen Abonnenten auf YouTube), Dave Rubin (2,45 Millionen Abonnenten auf YouTube), Matt Christiansen, Taylor Hansen, Benny Johnson und Laura Suthern.
RT überwies insgesamt 10 Millionen Dollar an Tenet Media, die möglicherweise für Publikationen auf YouTube, TikTok, Instagram und X verwendet wurden. Nach Überzeugung des US-Justizministeriums gaben RT-Mitarbeiter Anweisungen zum Inhalt der Materialien an die Influencer: So wurden sie beispielsweise nach dem Terroranschlag auf die Crokus City Hall bei Moskau aufgefordert, sich „auf die Version über die Beteiligung der Ukraine und der Vereinigten Staaten an dem Anschlag zu konzentrieren“ und das IS-Bekennerschreiben über die Organisation des Terroranschlags als Fälschung zu bezeichnen.
Nach der Enthüllung der Aktivitäten des Unternehmens behaupteten die Blogger, die mit dem Unternehmen zusammenarbeiteten, sie hätten von den Verbindungen zu RT nichts gewusst. Matt Christiansen sagte, er habe bei seiner Arbeit mit Tenet Media keine Anweisungen erhalten, sondern lediglich seine eigenen Gedanken geäußert.