Menschenrechtler vergleichen das Strafvollzugssystem in Russland häufig mit dem sowjetischen GulagDer Begriff Gulag steht im weitesten Sinne für das sowjetische Lagersystem und damit für den Terror und den Repressionsapparat, den die kommunistische Partei der Sowjetunion zum Erhalt ihrer Macht aufbaute. GULag ist die Abkürzung für Hauptverwaltung der Erziehungs- und Arbeitslager. Diese Verwaltungsstruktur existierte von 1922 bis 1956 und unterstand dem sowjetischen Sicherheitsdienst. Mehr dazu in unserer Gnose. Anlass dazu bieten Folterskandale„Ich soll dich mit allen Mitteln brechen“ Immer wieder wird von Misshandlungen in russischen Gefängnissen berichtet. Nun gelangten Videos an die Öffentlichkeit, die auch eine mutmaßliche Vergewaltigung in einem Gefängniskrankenhaus in Saratow zeigen. Drastische Szenen von Folter und Gewalt beschreibt außerdem ein ehemaliger Häftling in einem Augenzeugenbericht, den Mediazona veröffentlicht hat – der meistgelesene Text im Russland-dekoder 2021. und Ideen des FSIN (Föderaler Strafvollzugsdienst)Rund 480.000 Menschen saßen 2021 in einer russischen Strafanstalt ein. Mit umgerechnet etwa 3,5 Milliarden Euro verfügte die Strafvollzugsbehörde FSIN schon damals über das europaweit größte Gefängnisbudget. Zugleich hat Russland mit 2,40 Euro die niedrigsten täglichen Ausgaben pro Person – im europäischen Durchschnitt sind es 68,30 Euro pro Häftling und Tag. Mehr dazu in unserer Gnose, Häftlinge in Bauprojekten auszubeuten.
Das russische Onlinemedium VerstkaVerstka, gesprochen Wjorstka Wie Russlands Krieg gegen die Ukraine die Gründung des Onlinemediums Verstka provoziert hat – das erzählt die Chefredakteurin Lola Tagajewa in einem Blogbeitrag. erläutert, was FSIN und Gulag verbindet: Wie in der Sowjetunion einst Zwangsarbeitslager entstanden und inwieweit der Vergleich des damaligen Gulag mit heutigen Strafkolonien passt.
Eine Einführung in unseren neuen Themenschwerpunkt: Archipel Gulag-FSINArchipel Gulag-FSIN
Das heutige russische Haftsystem des Föderalen Strafvollzugsdiensts FSIN ist gewissermaßen der Nachfolger des sowjetischen Gulag. Die Zahl der Inhaftierten war jedoch in den sowjetischen Gefängnissen deutlich höher als heute.
Laut Historikern sind insgesamt etwa 20 bis 25 Millionen Menschen seinerzeit durch den Gulag gegangen, zwei Millionen davon im Lager gestorben. Berechnungen des Instituts für Demografie der Higher School of Economics ergeben, dass im Gulag jeder 15. Häftling ums Leben gekommen ist.
Der Gulag war ein Netz aus rund 500 Lagerverwaltungen, dem jeweils Hunderte Zweigstellen und Zentren untergeordnet waren – insgesamt über 30.000. Am höchsten war die Zahl der Lagerhäftlinge im Jahr 1953 mit bis zu 2,6 Millionen.
Der Gulag-Überlebende und Schriftsteller Alexander SolschenizynIm Westen ist Alexander Solschenizyn (1918–2008) als einer der bedeutendsten Oppositionellen der Sowjetära bekannt. Solschenizyn selbst verbrachte acht Jahre seines Lebens in Straflagern und seine Werke über die Lagerhaft waren langjährige Bestseller in den 1960er und 1970er Jahren. 1974 wurde er aus der Sowjetunion ausgewiesen und lebte bis 1994 im Exil. Heute wird er aufgrund seiner moralischen und politischen Vorstellungen hauptsächlich in konservativen und christlichen Kreisen in Russland und im Westen gelesen und wurde im Zuge des Ukraine-Konflikts wieder populärer. Mehr dazu in unserer Gnose verarbeitete in seinem berühmten Werk „Der Archipel Gulag“Archipel Gulag ist das Hauptwerk des russischen Schriftstellers Alexander Solschenizyn. Darin wird das menschenverachtende sowjetische Straflagersystem eindrucksvoll beschrieben, weshalb das Werk in der Sowjetunion verboten war und zunächst nur im Ausland erschien. Heute gilt es vor allem als wichtiges Zeitdokument. Mehr dazu in unserer Gnose seine eigene Gulag-Erfahrung und die Erinnerungen Hunderter anderer Opfer der RepressionenDie Erzählung Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch von Alexander Solschenizyn markierte 1962 den Beginn der öffentlichen Auseinandersetzung mit Stalinismus und Gulag. Die Tauwetterperiode währte jedoch nur kurz, erst im Zuge der Perestroika bekam man aus den literarischen Zeugnissen der politischen Repressionen ein umfassendes Bild über die Verbrechen des Stalinismus. Mehr dazu in unserer Gnose.
Das heutige russische Strafvollzugssystem umfasst dagegen etwa 550 Strafkolonien (Stand 1. Januar 2023). Im Oktober 2023 verkündete Russlands Vize-Justizminister Wsewolod Wukolow, die Insassenzahlen in russischen Gefängnissen seien so gering wie nie zuvor. In den russischen Strafkolonien hätten sich zu dem Zeitpunkt 266.000 Personen befunden. Zehn Jahre früher seien es noch rund 700.000 gewesen.
Zwangsarbeit auf Großbaustellen
2021 stand erneut die Frage zur Diskussion, ob Gefängnisinsassen zu Bauarbeiten an der Baikal-Amur-Magistrale (BAM) herangezogen werden sollten. Damals bekundete der FSIN die Bereitschaft, in der Nähe großer Baustellen, auf denen Arbeitskräfte gebraucht werden, Arbeitslager zu errichten. Abgesehen von der BAM waren auch der Autonome Kreis der NenzenBei den Nenzen Fotografin Stanislava Novgorodtseva ist mit den Nenzen und ihren Rentieren einen Monat lang durch Russlands hohen Norden gezogen., die Tajmyr-Insel (im Norden des Gebietes Krasnojarsk – dek), die Oblast MagadanMagadan ist eine russische Hafenstadt in der gleichnamigen Oblast am Ochotskischen Meer. Entstanden als Zwangsarbeitslager, wurde die Stadt in den 1930er Jahren Verwaltungszentrum des Gulag-Komplexes im Fernen Osten. Stadt und Hafen wurden so hauptsächlich von Häftlingen errichtet. Der ganzjährig eisfreie Hafen wird bis heute militärisch genutzt, war bis 1991 allerdings Sperrgebiet. und NorilskDezember: Norilsk Eis, Erze, Dunkelheit – und atemberaubende Farben. Elena Chernyshova war mit der Kamera in der nördlichsten Industriestadt der Welt. als potenzielle Standorte für solche Lager im Gespräch.
Die Arbeitskraft von Gefangenen russischer Strafkolonien wird heute ohnehin genutzt, meist in der Leichtindustrie, etwa in der Herstellung von Berufskleidung. In manchen Kolonien nähen die Insassen auch Uniformen„Meine Nummer eins sind die Kriegsgefangenen“ Kurz nach seiner Befreiung spricht der ukrainische Menschenrechtler und Journalist Maxym Butkewytsch mit seinen Kolleginnen von Hromadske Radio erstmals über Luhansker Gefängnisse, russische Gewalt und seine persönlichen Perspektiven. oder knüpfen TarnnetzeOperation „Spinnennetz“ Um Soldaten und Militärtechnik an der Front vor russischen Drohnenangriffen zu schützen, bringen Armeehelfer ausgediente Fischernetze aus Europa in die Ukraine. Eine Frontliner-Fotoreportage. für das russische Militär in der Ukraine.
Olga RomanowaOlga Romanowa (geb. 1966) ist eine renommierte russische Journalistin und Menschenrechtlerin. Nachdem sie als Redakteurin bei verschiedenen Medien gearbeitet hatte – unter anderem bei The New Times, Echo Moskwy und Slon – leitetе sie 2011 bis 2012 das Institut für Journalistik an der Higher School of Economics in Moskau. Sie ist außerdem Gründerin und Vorsitzende der Menschenrechtsorganisation Rus Sidjaschtschaja (dt. Einsitzende Rus), die sich gegen Justizwillkür einsetzt und sich um die Belange von Häftlingen im Strafvollzug kümmert. Romanowa wurde 2017 der Veruntreuung von Spendengeldern beschuldigt, daraufhin verließ sie Russland., Vorsitzende der Stiftung Rus sidjaschtschajaEinsitzende Rus (russ. Rus Sidjaschtschaja) ist eine soziale Bewegung und ein Projekt des Wohlfahrtsfonds zur Hilfe für Verurteilte und ihre Familien. Die von der Journalistin Olga Romanowa (geb. 1966) im Jahr 2009 ins Leben gerufene und koordinierte Plattform gilt als ein Forum für scharfe Kritik an der Rechtsordnung Russlands. Die Mitglieder der Bewegung sammeln Spenden, klären über Justizirrtümer auf und bieten Rechtsberatung für Betroffene. Im Mai 2018 erklärte das russische Justizministerium den Wohlfahrtsfondszum sogenannten ausländischen Agenten. Romanowa wurde 2017 der Veruntreuung von Spendengeldern beschuldigt, daraufhin verließ sie Russland., nennt einige Faktoren, die das moderne Strafvollzugssystem vom Gulag „übernommen“Produktion von Ungerechtigkeit Ein Straflager in der Weite des russischen Nordens. Menschen, Tiere und eine eigene Ordnung, gegen die das Stadtleben blass aussieht. Hommage an eine schonungslose Taiga, die vor Leben strotzt. hat: die marode Infrastruktur in den Haftanstalten, das geringe Ausbildungsniveau des Personals, Intransparenz, vorsintflutliche Auffassungen vom Sinn einer Strafe sowie das Fehlen von Resozialisierungsprogrammen.
Heute jedoch hätten der administrative Druck auf die Verurteilten und die flächendeckende Missachtung ihrer Rechte nicht mehr nur das Ziel, sie im allgemeinen Interesse – zur Industrialisierung des Landes beispielsweise – einen BelomorkanalDer Belomorkanal (dt. Weißmeer-Ostsee-Kanal) ist eine 227 Kilometer lange Wasserstraße, die die Ostsee mit dem Weißen Meer verbindet. Der Kanal wurde Anfang der 1930er Jahre auf Befehl Stalins von Gulag-Häftlingen erbaut. Während dessen Errichtung starben Schätzungen zufolge rund 12.800 Menschen. oder eine BAM bauen zu lassen. „Das ganze System ist so konstruiert, dass es die privaten, kommerziellen Interessen einer Personengruppe erfüllt, die ihre Gehälter aus dem Staatshaushalt beziehen“, erklärt Romanowa.
Zunehmende Repressionen
In modernen russischen Strafkolonien werden – genau wie früher in stalinistischen Lagern – Opfer politischer Repressionen gefangengehalten. MemorialMemorial ist eine unabhängige, international aktive russische Menschenrechtsorganisation mit zahlreichen, teils eigenständigen Zweigstellen und Organisationen. Ihre Ziele sind die historische Aufarbeitung politischer Repressionen und soziale Fürsorge für Überlebende sowjetischer Zwangsarbeitslager (Gulag) sowie die Wahrung und Durchsetzung von Menschenrechten in Russland. Seit Beginn ihrer Tätigkeit während der Perestroika ist sie von Einschüchterungs- und Behinderungsversuchen seitens der sowjetischen und russischen Behörden beeinträchtigt worden. 2016 als „ausländischer Agent“ gebrandmarkt, hat am 28. Dezember 2021 das Oberste Gericht die Auflösung des Dachverbandes „Memorial International“ angeordnet – und die Berufung zwei Monate später abgelehnt. Der Dachverband ist damit aufgelöst; die Unterorganisationen bleiben davon zunächst weitgehend unberührt. Der Friedensnobelpreis 2022 geht an Memorial, den Menschenrechtler Ales Bjaljazki aus Belarus und die ukrainische Menschenrechtsorganisation Center for Civil Liberties. Mehr dazu in unserer Gnose zufolge waren in der UdSSR elf bis 11,5 Millionen Menschen von politischen Repressionen betroffen.
Das Menschenrechtszentrum setzt seine Zählung fort: Derzeit gelten 769 Personen als politische Gefangene (weitere 605 Personen werden verfolgt, sind aber nicht in Haft).
Als Wladimir Putin 1999 an die Macht kam, gab es in Russland nur einen einzigen politischen Gefangenen. Während Putins Amtszeit zählten Menschenrechtsaktivisten insgesamt 1500 politische Häftlinge. Die meisten politisch motivierten Verhaftungen gab es in Russland 2019. Seit Beginn des vollumfänglichen russischen Kriegs gegen die UkraineKrieg in der Ukraine – Hintergründe 2022 nimmt der Frauenanteil„Viele der Mütter und Kinder sehen sich nie wieder” Maria Noel war schwanger, als sie ins Gefängnis kam. Ihren Sohn brachte sie während der Haft zur Welt. Dort erlebte Noel eine starke Stigmatisierung und Entmündigung als Mutter. Heute macht sie sich für Gefangene und deren Neugeborene stark. Ein Interview. unter den politischen Gefangenen deutlich zu, nämlich auf 27 Prozent.
Die Liste der Personen, die in Russland aus politischen Gründen verfolgt werden, sei allerdings nicht vollständig, so Memorial, weil die Einstufung als politischer Gefangener nach bestimmten Kriterien erfolge und eine gewisse Zeit in Anspruch nehme, weswegen viele noch „unsichtbar“ blieben.
„Wir bemühen uns, es jedes Mal überzeugend zu begründen und maximal objektiv nachvollziehbar zu machen, wenn wir jemanden als politischen Häftling anerkennen“, heißt es von Memorial. Die Untersuchung jedes Freiheitsentzugs, bei dem ein politisches Motiv vermutet wird, erfordere die Vorlage von Dokumenten und ausreichend Zeit. „Allein das Zusammentragen des Materials dauert oft schon ziemlich lange, vor allem, wenn die Ermittlungen und Verhandlungen geheim sind.“
Was FSIN und Gulag auf jeden Fall gemeinsam haben, seien Folterpraktiken in den Strafkolonien: Die Gefangenen würden physisch misshandelt und zu übermäßiger Arbeit gezwungen, ohne freien Tag und angemessene Vergütung.
Wie die UdSSR das Gulag entwickelte
Die Abkürzung Gulag steht für Glawnoje uprawlenije lagerej (dt. Hauptverwaltung der Lager) – eine Organisation dieses Namens wurde 1934 geschaffen, doch die Abkürzung ist in Dokumenten bereits ab 1930 zu finden. Die Entwicklung eines solchen Systems begann gar bereits viel früher, nämlich ab 1919.
Ab 1934 kontrollierte der Gulag – geleitet von Genrich JagodaDer Name Genrich Jagoda ist untrennbar mit den stalinistischen Repressionen, dem Aufbau des Straflagersystems Gulag, der Organisation der ersten sowjetischen Schauprozesse und dem sowjetischen Innenministerium NKWDverbunden, das er von 1934 bis 1936 leitete. Mehr dazu in unserer Gnose – praktisch alle Haftanstalten der Sowjetunion und war unmittelbar dem Volkskommissariat für innere Angelegenheiten unterstellt.
Bereits 1918 begannen die Revolutionsanführer Wladimir LeninNach der Februarrevolution fixierte sich Lenin auf den gewaltsamen Sturz der Provisorischen Regierung. Die bolschewistische Partei wurde zum Anziehungspunkt für alle unzufriedenen, radikalen und anarchistischen Elemente. Nach dem misslungenen Juliaufstand nutzte Lenin das Machtvakuum aus, um seine Strategie des bewaffneten Aufstandes im Oktober 1917 zu verwirklichen. Mehr dazu in unserer Gnose und Leo TrotzkiDer Trotzkismus ist eine auf den revolutionären Theoretiker Leo Trotzki (1879–1940) zurückgehende Auslegung des Marxismus. Konzeptionell weicht sie vor allem durch den von ihr propagierten Internationalismus und Universalismus von der späteren stalinschen Doktrin ab. Nach Trotzkis Flucht ins Exil 1929 wurden die Trotzkisten vermehrt Opfer Stalinscher Säuberungen. In den Folgejahren wurde die Bezeichnung Trotzkist zu einer gängigen Kennzeichnung für mutmaßliche Gegner des Stalinismus. Tausende Opfer des Großen Terrors wurden wegen ihres angeblichen Trotzkismus ermordet., damals tatsächlich noch „Konzentrationslager“ genannte Gefangenenlager zu planen, in denen man die Arbeitskraft der „Klassenfeinde“ nutzen wollte. Am 15. April 1919 wurde der Beschluss zur Schaffung von Zwangsarbeitslagern gefasst, und bereits im darauffolgenden Jahr entstand am Weißen MeerUnter Zwang Wie ein ukrainisches Mädchen von Sowjet-Repressionen in NS-Zwangsarbeit gerät. Die vierte Folge der dekoder-Doku Der Krieg und seine Opfer. das erste Lager des zukünftigen Gulag.
1929 wurde die bisherige Unterteilung in Lager für politische und kriminelle Häftlinge aufgehoben, sie wurden in einem gemeinsamen System vereint. Im Zuge der Kollektivierung und Industrialisierung wuchs dieses Lagernetz : Allein in den ersten Monaten der Kollektivierung der LandwirtschaftAls die Lebensmittelversorgung in der noch jungen und bürgerkriegsgebeutelten Sowjetunion immer kritischer wird, beschließt Stalin 1929 die Kollektivierung der Landwirtschaft: Die Bauern werden enteignet und ihr Besitz in staatlichen Kolchosen zusammengeschlossen. In der Folge kam es insbesondere ab 1932/33 zu einer der größten europäischen Hungersnöte mit bis zu sechs Millionen Opfern. Mehr dazu in unserer Gnose wurden rund 60.000 „Kulaken“Kulaken (wörtl. Fäuste) war eine Bezeichnung für Großbauern, die weitere Lohnbauer einstellten und auch als Kaufmänner tätig waren. Nach der Revolution 1917 wurden diese oft als Ausbeuterklasse, und Klassenfeinde der Sowjetunion bezeichnet, im Zuge der Zwangskollektivierung Anfang der 30er Jahre unterdrückt. inhaftiert.
Zusätzliche Lager„Der Geschichte sind die Augen verbunden“ Mehr als 7000 Erschossene des Großen Terrors 1937/38 liegen in Sandarmoch verborgen. In dem einst namenlosen Waldgebiet in Karelien treffen sich alljährlich am 5. August Menschen, um den Opfern des Stalin-Regimes zu gedenken. Auf Takie Dela kommen sie zu Wort. wurden nach Möglichkeit dort errichtet, wo Arbeitskräfte gebraucht wurden: in den Goldminen am Fluss KolymaDebattenschau № 76: Kolyma – Heimat unserer Angst Der junge hippe YouTuber Juri Dud wagt in seinem Dokumentarfilm den Blick in den Abgrund von Kolyma – den Inbegriff des Gulag. Entsteht bei den Millionen von jungen Zuschauern die Fähigkeit zu trauern? Der Film tritt ein Medienecho los, dekoder bildet die Debatte ab., am Bau des BelomorkanalsDer Belomorkanal (dt. Weißmeer-Ostsee-Kanal) ist eine 227 Kilometer lange Wasserstraße, die die Ostsee mit dem Weißen Meer verbindet. Der Kanal wurde Anfang der 1930er Jahre auf Befehl Stalins von Gulag-Häftlingen erbaut. Während dessen Errichtung starben Schätzungen zufolge rund 12.800 Menschen. zwischen dem WeißenDie Solowezki-Inseln (Kurzform Solowki) sind eine Inselgruppe im Weißen Meer, im Nordwesten Russlands. Seit den 1920er Jahren befand sich auf den Inseln ein Straf- und Arbeitslager für politische Häftlinge. 1933 wurde das Lager zu einem Teil von BelBaltLag – eine Struktureinheit des Gulag für den Bau des Belomorkanals (dt. „Weißmeer-Ostsee-Kanal“). Der Kanal wurde auf Befehl Stalins von BelBaltLag-Häftlingen erbaut. Von 1937 bis 1939 war das Lager ein Gefängnis des NKWD (Narodny Komitet wnutrennych Del (dt. „Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten“). Hier wurden vor allem sogenannte Staatsverbrecher inhaftiert, die unter anderem wegen mutmaßlichen Staatsverrats, Spionage oder Terrorismus verurteilt worden waren. und dem Baltischen Meer und am Bau der Baikal-Amur-Magistrale. An dieser Eisenbahnstrecke entstand 1932 das BAMlag, dessen Insassen 190 Kilometer Schienen verlegten, die die BAM mit der Transsibirischen Magistrale verbanden.
Immer wieder wird von Misshandlungen in russischen Gefängnissen berichtet. Nun gelangten Videos an die Öffentlichkeit, die auch eine mutmaßliche Vergewaltigung in einem Gefängniskrankenhaus in Saratow zeigen. Drastische Szenen von Folter und Gewalt beschreibt außerdem ein ehemaliger Häftling in einem Augenzeugenbericht, den Mediazona veröffentlicht hat – der meistgelesene Text im Russland-dekoder 2021.
Der Begriff Gulag steht im weitesten Sinne für das sowjetische Lagersystem und damit für den Terror und den Repressionsapparat, den die kommunistische Partei der Sowjetunion zum Erhalt ihrer Macht aufbaute. GULag ist die Abkürzung für Hauptverwaltung der Erziehungs- und Arbeitslager. Diese Verwaltungsstruktur existierte von 1922 bis 1956 und unterstand dem sowjetischen Sicherheitsdienst.
Wie Russlands Krieg gegen die Ukraine die Gründung des Onlinemediums Verstka provoziert hat – das erzählt die Chefredakteurin Lola Tagajewa in einem Blogbeitrag.
Im Westen ist Alexander Solschenizyn als einer der bedeutendsten Oppositionellen der Sowjetära bekannt. Heute vor 102 Jahren wurde der streitbare Publizist geboren. Elisa Kriza über Leben und Wirken des Schriftstellers.
Literarische Zeugnisse der politischen Repression: Niedergeschriebene Erinnerungen – nicht nur von berühmten Autoren wie Solschenizyn und Schalamow – benennen das erlittene Unrecht in der Sowjetunion. Sie sind außerdem auch wichtige historische Quellen und gelten heute an russischen Schulen teilweise als Pflichtlektüre.
Ein Straflager in der Weite des russischen Nordens. Menschen, Tiere und eine eigene Ordnung, gegen die das Stadtleben blass aussieht. Hommage an eine schonungslose Taiga, die vor Leben strotzt.
Der Friedensnobelpreis 2022 geht an den Menschenrechtler Ales Bjaljazki aus Belarus, das ukrainische Center for Civil Liberties und an Memorial. Manuela Putz über die russische Menschenrechtsorganisation, die sich seit der Perestroika für die historische Aufarbeitung politischer Repressionen einsetzt.
Gesellschaft – von Aljona Schpak , Victoria Ivleva
Maria Noel war schwanger, als sie ins Gefängnis kam. Ihren Sohn brachte sie während der Haft zur Welt. Dort erlebte Noel eine starke Stigmatisierung und Entmündigung als Mutter. Heute macht sie sich für Gefangene und deren Neugeborene stark. Ein Interview.
„Unser freundliches Konzentrationslager“ – so nannte Alexej NawalnyAlexej Nawalny (1976–2024) war der bekannteste Oppositionspolitiker Russlands. Für viele galt er als die persönliche Geisel und größter Feind des russischen Präsidenten. Am 16. Februar 2024 ist Nawalny in seiner Haft gestorben. Mehr dazu in unserer Gnose 2021 sein damaliges Zuhause, die Pokrowskaja-Kolonie. Mitte März wurde der Oppositionspolitiker in diese sogenannte Besserungsarbeitskolonie mit allgemeinem Regime (IK-2) verlegt. Die Kolonie liegt in der Oblast Wladimir, rund 100 Kilometer östlich von Moskau und ist die in Russland am häufigsten anzutreffende Art der Justizvollzugsanstalt. Mit einem Gefängnis westlichen Typs ist sie kaum vergleichbar – wie sich auch das gesamte russische Strafvollzugssystem grundlegend vom westlichen unterscheidet.
Noch nie gab es in russischen Gefängnissen so wenige Insassen: Rund 480.000 Menschen haben im März 2021 ihre Haftstrafe verbüßt. Im Jahr 2000 waren es noch etwa doppelt so viele, nach den USA war Russland das Land mit den meisten Gefangenen pro 100.000 Einwohner.
Hinter dem System des Strafvollzugs steht in Russland der Föderale Strafvollzugsdienst FSIN (federalnaja slushba ispolnenija nakasani). Die Behörde begründet den massiven Rückgang der Insassenzahlen mit der zunehmenden Anwendung von Strafen ohne Freiheitsentzug: Hausarrest gehört etwa dazu oder Verbüßung der Strafe zu Hause bei regelmäßiger Meldung in der zuständigen strafrechtlichen Exekutivinspektion. Der FSIN führt außerdem auch eine allgemeine „Liberalisierung“ der Strafvollzugspolitik an1: Das, was früher mit einer Haft bestraft wurde, wird heute vermehrt mit Geldstrafen geahndet; vor allem die Anzahl der Freiheitsstrafen im Wirtschaftsstrafrecht ist dadurch zurückgegangen.2
Dies sowie der allgemeine Rückgang der Kriminalität haben dazu geführt, dass die russischen Strafvollzugsanstalten heute nur zu etwa 73 Prozent ausgelastet sind, der gesamteuropäische Durchschnitt liegt dagegen bei rund 90 Prozent.3
„Folterkolonien“
Eine gesunkene Auslastung der ehemals notorisch überfüllten Gefängnisse müsste sich eigentlich in besseren Haftbedingungen widerspiegeln. Doch Menschenrechtsorganisationen kritisieren diese nach wie vor als menschenunwürdig. Wegen massiver KorruptionKorruption ist in Russland weit verbreitet – sowohl in Politik und Wirtschaft als auch im Alltagsleben. Korruption, die nicht zuletzt durch niedrige Gehälter befördert wird, kommt in zahlreichen Variationen vor: gegenseitige Gefälligkeiten, Tausch unter der Hand, Abzweigung staatlicher Mittel, Bestechungsgelder und vieles mehr. Da die Korruption systemischen Charakter angenommen hat, ist vorerst nicht damit zu rechnen, dass sie wirksam bekämpft werden kann. Mehr dazu in unserer Gnose in russischen Haftanstalten können sich manche Häftlinge zwar tatsächlich besondere PrivilegienKnast mit Kaviar – wie geht das? Einblick hinter Gitter: Olga Romanowa, Vorsitzende der Häftlingsorganisation Rus Sidjaschtschaja, beschreibt das russische Gefängnissystem als einen Ort, an dem alle erniedrigt werden – mit Unterschieden. von der Gefängnisleitung erkaufen, wie sie beispielsweise Olga RomanowaOlga Romanowa (geb. 1966) ist eine renommierte russische Journalistin und Menschenrechtlerin. Nachdem sie als Redakteurin bei verschiedenen Medien gearbeitet hatte – unter anderem bei The New Times, Echo Moskwy und Slon – leitetе sie 2011 bis 2012 das Institut für Journalistik an der Higher School of Economics in Moskau. Sie ist außerdem Gründerin und Vorsitzende der Menschenrechtsorganisation Rus Sidjaschtschaja (dt. Einsitzende Rus), die sich gegen Justizwillkür einsetzt und sich um die Belange von Häftlingen im Strafvollzug kümmert. Romanowa wurde 2017 der Veruntreuung von Spendengeldern beschuldigt, daraufhin verließ sie Russland., Leiterin der Gefangenen-Hilfsorganisation Rus SidjaschtschajaEinsitzende Rus (russ. Rus Sidjaschtschaja) ist eine soziale Bewegung und ein Projekt des Wohlfahrtsfonds zur Hilfe für Verurteilte und ihre Familien. Die von der Journalistin Olga Romanowa (geb. 1966) im Jahr 2009 ins Leben gerufene und koordinierte Plattform gilt als ein Forum für scharfe Kritik an der Rechtsordnung Russlands. Die Mitglieder der Bewegung sammeln Spenden, klären über Justizirrtümer auf und bieten Rechtsberatung für Betroffene. Im Mai 2018 erklärte das russische Justizministerium den Wohlfahrtsfondszum sogenannten ausländischen Agenten. Romanowa wurde 2017 der Veruntreuung von Spendengeldern beschuldigt, daraufhin verließ sie Russland., beschreibt. Insgesamt sei das russische Gefängniswesen laut Romanowa aber systematisch darauf ausgerichtet, Menschen zu brechen.4
Auch Oleg SenzowDer ukrainische Regisseur Oleg Senzow (geb. 1976) setzte sich im Frühjahr 2014 gegen die Annexion der Krim durch Russland ein und erklärte, diese nicht anzuerkennen. Im Mai 2014 wurde er von russischen Behörden auf der Krim verhaftet und nach Moskau überstellt. Ihm und dem linken Aktivisten Alexander Koltschenko wurde vorgeworfen, Terroranschläge auf Einrichtungen kommunaler Infrastruktur und auf Staatsorgane geplant zu haben. Im August 2015 wurde Senzow zu 20 Jahren Arbeitslager verurteilt. Im Zuge eines Gefangenenaustauschs konnte er im September 2019 in die Ukraine zurückkehren. gab nach seiner Freilassung aus rund fünfjähriger Haft einen traurigen EinblickOperation Entmenschlichung Solschenizyn, Schalamow, Limonow – das ureigen russische Genre Gefängnis- oder Lagerliteratur ist reich an Beispielen. Auch Oleg Senzow gehört dazu, er wurde im Herbst 2019 aus einem russischen Gefängnis entlassen und schreibt über Gefängnisse im Norden – errichtet einzig, um die Menschen zu brechen. in die russische Gefängniswelt: Diese sei nur dazu geschaffen, um die Gefangenen zu entmenschlichen, so der ukrainische Regisseur. In manchen Anstalten herrschen laut Senzow menschenunwürdige Verhältnisse: Erniedrigungen und Folter seitens der Justizmitarbeiter oder Mitinsassen gehörten dort faktisch zum System. Ähnliches wurde bereits mehrmals aus der Anstalt berichtet, in der Nawalny einsitzt. Als berüchtigte „Folterkolonie“ sorgte die IK-2 vor allem zu der Zeit für Schlagzeilen in unabhängigen Medien, als deren Abteilung für interne Verbrechensbekämpfung und Kriminalprävention noch von Roman Saakjan geleitet wurde. Dieser wechselte im Januar 2020 seinen Arbeitsplatz und wurde Leiter der Strafkolonie IK-6 in Melechowo, ebenfalls in der Oblast Wladimir. Was er laut einem im März 2021 veröffentlichten Bericht„Ich soll dich mit allen Mitteln brechen“ Immer wieder wird von Misshandlungen in russischen Gefängnissen berichtet. Nun gelangten Videos an die Öffentlichkeit, die auch eine mutmaßliche Vergewaltigung in einem Gefängniskrankenhaus in Saratow zeigen. Drastische Szenen von Folter und Gewalt beschreibt außerdem ein ehemaliger Häftling in einem Augenzeugenbericht, den Mediazona veröffentlicht hat – der meistgelesene Text im Russland-dekoder 2021. des Insassen Iwan Fomin offenbar aus der IK-2 mitgebracht hatte, war für viele erschütternd: Systematische Folter und sexuelle Gewalt gehören in der IK-6 laut Fomin zur Tagesordnung, außerdem berichtete er über einen Mord an einem Mitinsassen, den der Gefängnisleiter Saakjan wohl abgesegnet hatte.
Das Ziel – Bestrafung statt Resozialisierung?
Oft heißt es: Während man im Westen auf Resozialisierung setze, sei das wichtigste Vollzugsziel in Russland die Bestrafung. Dabei ist die Resozialisierung der Verurteilten offiziell auch die Hauptaufgabe der russischen Strafvollzugsanstalten. Doch die Praxis ist vielschichtig und widersprüchlich.
Obwohl der Gesetzgeber vorsieht, dass die Häftlinge ihre Strafe in der Nähe ihres Wohnortes verbüßen sollen, um so ihre Resozialisierung zu erleichtern, verbringen sie die Strafe oftmals sehr weit weg von ihrem Zuhause und ihren Angehörigen. Auf diese Weise wird das Besuchsrecht de facto eingeschränkt.
Bis heute gibt es kein einheitliches staatliches Resozialisierungsprogramm oder auch nur eine klare Vorstellung von staatlichen Resozialisierungsmaßnahmen. Die Resozialisierung wird vor allem von NGOs wie Rus Sidjaschtschaja übernommen. Diese erhalten nicht nur wenig bis keine staatliche Unterstützung, sondern werden zu allem Überdruss auch noch mit unzähligen bürokratischen Hürden konfrontiert.5 So wurde Rus Sidjaschtschaja aufgrund einer finanziellen Zuwendung der EU – es ging um den Aufbau juristischer Beratungszentren in einzelnen Regionen – zum sogenannten „ausländischen Agenten“Vor dem Hintergrund der Bolotnaja-Proteste hat die russische Staatsduma 2012 das sogenannte „Agentengesetz“ verabschiedet. Es sanktioniert „politisch aktive“ zivilgesellschaftliche Organisationen, die finanziell aus dem Ausland unterstützt werden. Seit November 2017 können zudem auch Medien zu „ausländischen Agenten“ erklärt werden. Seit 2022 kann auch, wer „unter ausländischem Einfluss steht“ zum Agenten erklärt werden. Zudem wurde ein neues Register eingeführt, das solchen „ausländischen Agenten affiliierte“ Organisationen und Personen auflistet. Die Regelungen sind unklar formuliert, sodass die russische Justiz nach eigenem Ermessen entscheidet, welche Organisationen mit dem aus der Stalinzeit stammenden „Agenten“-Label versehen werden. Betroffene Organisationen müssen strenge Vorschriften einhalten, die ihre Arbeit erheblich erschweren. Mehr dazu in unserer Gnose erklärt.
Die Arbeit von NGOs wird zusätzlich von der weit verbreiteten Praxis der sogenannten EtappierungIm russischen Sprachgebrauch ist das Wort während des Großen Terrors in den 1930er Jahren zu einer Metapher nicht nur für die Gefangenen-Kohorten, sondern auch für die verschiedenen Abschnitte geworden, die ein Gefangener nach seiner Verhaftung auf dem Weg ins Lager durchlief. Es umfasst den Transport zum Lager genauso wie die einzelnen Stationen von der Gefängnishaft bis zur Verurteilung. War ein Häftling „auf Etappe“, dann war er noch nicht an seinem endgültigen Bestimmungsort angekommen. Die Metapher drückt deshalb gleichzeitig auch Ungewissheit, Angst und eine gewisse Hoffnung der Häftlinge aus, die zumeist enttäuscht wurde. erschwert: eine Verlegungs- und Transport-Routine, die laut Rus Sidjaschtschaja keiner besonderen Logik und Logistik folgt.6 Der FSIN hält alle Informationen über die Verlegung von Häftlingen und deren späteren Haftort geheim, weswegen weder die Häftlinge noch deren nahe Verwandte oder Anwälte vor Beginn der Etappierung über das endgültige Ziel informiert werden. Die Strafgefangenen werden damit praktisch von der Außenwelt abgeschnitten, teilweise bis zu einem Monat oder länger. Während der Überführung befinden sich die Häftlinge in überfüllten Spezialwaggons und Gefangenentransportern – sogenannten Stolypin-WaggonsEin stolypinscher Waggon ist ein spezieller Eisenbahnwagen zum Transport von Inhaftierten und Verurteilten. Der Name geht auf den ehemaligen Ministerpräsidenten Pjotr Stolypin (1862–1911) zurück. Im Rahmen einer von ihm initiierten Umsiedlungskampagne wurden Eisenbahnwagen so modifiziert, dass sie Menschen und Vieh transportieren konnten. Zu Zeiten der frühen Sowjetunion wurden die Wagen mit Gittern versehen und zu Deportationen genutzt. –, teils unter grausamen, unmenschlichen und erniedrigenden Bedingungen: Bis zu 16 Menschen können laut Gesetz auf einer Fläche von dreieinhalb Quadratmetern zusammengepfercht werden, Bettwäsche und Matratzen werden nur selten zur Verfügung gestellt.
An Zwischenstationen werden die Häftlinge in Transitbereichen in Untersuchungshaftanstalten (SISO) untergebracht, wo sie manchmal wochenlang bleiben, bis sie wieder etappiert werden. Auf jeder Etappe dieses Transports findet in den Transitgefängnissen eine oftmals erniedrigende körperliche Untersuchung statt. Hinzu kommt, dass vermögende Häftlinge – die sogenannten kabantschikiAls kabantschik (dt. Wildschweinchen) wird im russischen Gefängnisjargon ein vermögender Mitinsasse bezeichnet, dem man sein Geld wegnehmen kann. – nicht selten systematisch auf Reisen geschickt werden, um sie auf jeder Etappe finanziell zu schröpfen. Der FSIN, so heißt es manchmal in diesem Zusammenhang sarkastisch, sei eben ein Konzern – ein gewinnorientiertes Unternehmen.
Archipel FSIN
Seit der GulagDer Begriff Gulag steht im weitesten Sinne für das sowjetische Lagersystem und damit für den Terror und den Repressionsapparat, den die kommunistische Partei der Sowjetunion zum Erhalt ihrer Macht aufbaute. GULag ist die Abkürzung für Hauptverwaltung der Erziehungs- und Arbeitslager. Diese Verwaltungsstruktur existierte von 1922 bis 1956 und unterstand dem sowjetischen Sicherheitsdienst. Mehr dazu in unserer Gnose-Epoche bleibt der Strafvollzug in Russland ein Staat im Staate: isoliert, unbarmherzig, entmenschlicht.7 Geschaffen wurde das System vor rund 100 Jahren, nur ein Mal wurde es seitdem laut Olga Romanowa reformiert – 1953, unter Lawrenti BerijaGeboren 1899 in Sochumi im heutigen Georgien (Abchasien), wurde Lawrenti Berija im Jahr 1938 zum Volkskommissar des Inneren ernannt. Ihm unterstanden die sowjetischen Geheimdienste und das Straflagersystem Gulag. Er gilt als einer der grausamsten Repräsentanten des staatlichen Gewaltapparates. Unter seiner Aufsicht wurden etwa 1,5 Millionen Menschen innerhalb der Sowjetunion deportiert, wobei hunderttausende ums Leben kamen..8
Die Insassen werden in diesem System nicht als Menschen, sondern vielmehr als Arbeitsressource betrachtet. Wie der Gulag ist auch der FSIN ein geschlossenes System, das fast alle Daten über seine Wirtschaftstätigkeit geheim hält. Die wenigen vorhandenen Informationen stammen von Menschenrechtlern, die vor allem im europäischen Teil Russlands arbeiten.
Das Wirtschaftssystem umfasst unzählige Agrarbetriebe, Bauunternehmen und Fabriken. Die Insassen fertigen eine breite Palette von Produkten an. Im Jahr 2018 verfügte der FSIN mit umgerechnet 3,5 Milliarden Euro über das europaweit größte Gefängnisbudget. Zugleich hat Russland mit 2,40 Euro die niedrigsten täglichen Ausgaben pro Person9 – im europäischen Durchschnitt sind es 68,30 Euro pro Häftling und Tag. Laut Waleri Maximenko, stellvertretender Direktor des FSIN, wurden die Verpflegungskosten von 24 Milliarden Rubel im Jahr 2012 auf 15 Milliarden Rubel im Jahr 2017 gekürzt.10 Damit kostet die Verpflegung pro Insasse und Tag rund 72 Rubel (damals umgerechnet etwa 1 Euro) – ein Betrag, der laut Maximenko die notwendige Menge an Kalorien deckt. Ein Grund für die geringen Verpflegungskosten besteht wohl darin, dass der FSIN nur einen Teil der Lebensmittel zukauft, der Großteil wird von den Kolonien in eigenen Nebenbetrieben selbst produziert. Grundsätzlich wird pro Häftling damit sogar weniger ausgegeben, denn de facto finanzieren sich die Gefangenen selbst, nicht selten verdient die Gefängnisleitung sogar an ihnen.
Dies geschieht einerseits direkt, etwa dadurch, dass vom Arbeitslohn der Insassen Versorgungsleistungen der Strafkolonie abgezogen werden: In einem besonders krassen Fall bekam ein Insasse der IK-13 in Nishni Tagil laut Lohnabrechnung vom Juli 2015 1,99 Rubel (damals umgerechnet 0,03 Euro).11 Andererseits verdienen Gefängnismitarbeiter auch an kriminellen Machenschaften der Insassen: So wurde im Juli 2020 beispielsweise im landesweit bekannten Moskauer Untersuchungsgefängnis Matrosenruhe ein Call Center entdeckt, aus dem Betrugsanrufe getätigt wurden. Die Kosten der beschlagnahmten technischen Anlagen wurden dabei auf sieben Millionen Rubel beziffert (damals rund 82.000 Euro).12 Die bei der Razzia verhafteten FSIN-Mitarbeiter bilden womöglich nur die Spitze des Eisbergs: Olga Romanowa etwa ist überzeugt, dass die Verbindungen des FSIN zur organisierten Kriminalität mittlerweile schon zum System gehören.13
Arten von Justizvollzugsanstalten
„Die Zone“, sona, so heißt in Russland dieser spezifische Ort der Haft mit seinem streng hierarchischen System und seinen Erniedrigungen. Insgesamt gibt es allerdings acht unterschiedliche Arten von Justizvollzugsanstalten, und nur rund 1300 (von insgesamt 480.000) Menschen sitzen in Gefängnissen ein. Die Gefängnisse sind nur für besonders schwere Verbrechen wie Terrorismus, Flugzeugentführungen oder etwa Geiselnahme vorgesehen. Genauso wie in sogenannten Spezialkolonien herrschen hier die strengsten Haftbedingungen.
Am anderen Ende der Skala steht die sogenannte Ansiedlungsstrafkolonie, kolonija posselenije – so etwas wie offener Vollzug. In den Ansiedlungsstrafkolonien befinden sich 2021 rund 30.000 Menschen.
Ersttäter verbüßen ihre Strafe häufig in den sogenannten Strafkolonien (isprawitelnaja kolonija) mit allgemeinem Regime. Die Unterschiede von diesen zu sogenannten Besserungsarbeitskolonien mit strengem Regime sind nicht allzu groß, sie betreffen vor allem die Anzahl der Besuche und Postpakete sowie der Höhe der Geldsummen, die die Insassen empfangen oder ausgeben dürfen. Es gibt insgesamt 670 Straf- und Besserungsarbeitskolonien in Russland, sie beherbergen rund 80 Prozent aller Häftlinge.
Die 209 Untersuchungshaftanstalten Russlands (SISO) dienen in erster Linie der Unterbringung von Beschuldigten. Rund 100.000 Menschen sitzen hier derzeit ein.
Außerdem gibt es in Russland 18 Erziehungskolonien (wospitatelnaja kolonija), wo derzeit etwa 1000 Jugendliche ihre Strafen verbüßen.
Frauen können zur Haft nur in Erziehungskolonien und Medizinischen Justizvollzugsanstalten (letschebnoje ispravitelnoje utschreshdenije) oder in Besserungsarbeitskolonien mit allgemeinem Regime und in einer Ansiedlungsstrafkolonie verurteilt werden. Im Februar 2021 waren rund 40.000 Frauen in Haft, den FrauenstrafkolonienDer Strafvollzug für Frauen ist im heutigen Russland nicht mit einem Gefängnisaufenthalt im üblichen Sinne zu vergleichen. Vielmehr bedeutet er die Verbringung in entlegene Lagerkomplexe, die sich durchweg an der Peripherie des Landes befinden. Neben den Transporten in weit entfernte Regionen werden viele Frauen durch den im Lager praktizierten Kollektivismus traumatisiert: Einheitliche Anstaltskleidung, das Leben in erzwungener Gemeinschaft, Nachtruhe in überfüllten Schlafbaracken mit keinerlei Privatsphäre und harte Arbeit gehören zum Lageralltag. Mehr dazu in unserer Gnose sind 13 Kinderheime angeschlossen, in denen 330 Kinder leben.14
Selbstverwaltung und Disziplinierung
Die Besonderheit des russischen Strafvollzugs ist: In den Straf- und Besserungskolonien gibt es keine Zellen. Die Häftlinge sind meistens in schlafsaalartigen Baracken mit Stockbetten untergebracht. Die Insassen werden in Gruppen eingeteilt, die gemeinsam leben. In diesen Gemeinschaftsunterkünften können sie sich frei bewegen und miteinander kommunizieren.
Das System der Gemeinschaftsunterkünfte wirkt sich auch auf die Organisation der Selbstverwaltung von Insassen aus. So gibt es formale Verwaltungspositionen, die von Insassen bekleidet werden, etwa die sogenannten sawchosyIn der Insassenhierarchie vieler russischer Strafkolonien bezeichnet sawchos üblicherweise einen Häftling, der für Ordnung und Sauberkeit eines Blocks der Haftanstalt zuständig ist. Der sawchos bildet ein Bindeglied zwischen Leitung und Häftlingen der Anstalt und hat gute Chancen, vorzeitig entlassen zu werden. oder dnewalnyjeDnewalny bezeichnet in der Insassenhierarchie vieler russischer Strafanstalten üblicherweise einen Häftling, der verschiedene Arbeiten für den ranghöheren sawchos erledigt. Letzterer bildet ein Bindeglied zwischen Leitung und Häftlingen der Anstalt. . Diese agieren ähnlich wie Verwaltungsangestellte und genießen gegenüber einfachen Insassen bestimmte Privilegien.
Daneben gibt es Zonen, in denen die sogenannten Diebe im GesetzDiebe im Gesetz (wory w sakone) bezeichnet in Russland eine organisierte kriminelle Subkultur mit straffen Hierarchien und strengem Regelwerk, das als „Diebesgesetz“ bezeichnet wird. (wory w sakone) einsitzen. Diese kriminellen Autoritäten etablieren nicht selten auch eine von den Justizbeamten unabhängige Selbstverwaltung von unten. Die Diebesgesetze der Berufskriminellen gelten für alle Insassen, die Justizbeamten lassen das traditionell zu und greifen dabei nur in den allerseltensten Fällen ein.
Die Informationsbeschaffung und Kontrolle durch die Justizwache erfolgt nicht selten über einzelne Häftlinge selbst, die als Augen und Ohren der Beamten agieren. Die Kontrolle gründet dabei auf einem Netz von Spitzeln und sehr harten Strafen – selbst für geringfügige Vergehen. Weil eben jeder jeden beobachtet, gelingt es auch einer sehr geringen Zahl an Beamten eine große Anzahl von Insassen zu überwachen.
Alexej Nawalny wurde in der Besserungskolonie IK-2 jedenfalls im sogenannten Sektor mit erhöhten Kontrollmaßnahmen A untergebracht, mit fünf weiteren Häftlingen. Da der Oppositionspolitiker als fluchtgefährdet eingestuft ist, wird er nachts zur Kontrolle einmal pro Stunde geweckt. Er darf weder Besuche noch Postsendungen empfangen. Da den Häftlingen das Gefühl vermittelt werden soll, dass sie stets unter Zeitdruck stünden, hat Nawalny für das Verfassen von Briefen an nahe Angehörige pro Woche lediglich 15 Minuten Zeit. Im März 2021 beklagte er in einem Brief, dass ihm auch eine angemessene ärztliche Behandlung seiner Rückenschmerzen verwehrt würde. Ende März trat er aus Protest gegen die schlechte medizinische Versorgung und gegen Folter durch Schlafentzug in den Hungerstreik.
Das Leben im Frauengefängnis ist ein Leben in Isolation und unter ständiger Beobachtung. Fotografin Elena Anosova, ausgezeichnet mit dem World Press Photo Award 2017, hat es mit der Kamera festgehalten: In ihren Porträts von Gefangenen will sie zeigen, wie der Alltag in Haft die Frauen verändert.
Gesellschaft – von Aljona Schpak , Victoria Ivleva
Maria Noel war schwanger, als sie ins Gefängnis kam. Ihren Sohn brachte sie während der Haft zur Welt. Dort erlebte Noel eine starke Stigmatisierung und Entmündigung als Mutter. Heute macht sie sich für Gefangene und deren Neugeborene stark. Ein Interview.
Ein Foltervideo, das die Novaya Gazeta veröffentlichte, löst Entsetzen aus. Es zeigt schreckliche Szenen aus einem Gefängnis in Jaroslawl. Erste Mitarbeiter wurden bereits verhaftet. Wird sich nun endlich etwas ändern? Oleg Kaschin hat seine Zweifel.
Russland schneidet bei der Durchsetzung von Menschenrechten schlechter ab als Nigeria. Vor diesem Hintergrund analysiert Benjamin Reeve, inwiefern Russland überhaupt noch ein Rechtsstaat ist.
Sechs bis 18 Jahre Haft für die angeblichen Teilnehmer der vermeintlichen Terrororganisation Set: Menschenrechtler protestieren gegen Willkürjustiz und Aussagen, die unter Folter erzwungen wurden. Meduza bringt Ausschnitte aus den Protokollen.
Regisseur Oleg Senzow war fünf Jahre in russischer Haft. Im September kam er frei durch einen Gefangenenaustausch zwischen der Ukraine und Russland. In einem der wenigen Interviews bisher spricht der ukrainische Filmemacher über die Krim, über Putins Perspektiven und darüber, was Russland und die Ukraine ganz grundlegend unterscheidet.
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